Gert Frühinsfeld

 

Michael Ostendorfer und die Wallfahrt zur

"Schönen Maria" von Regensburg

 

  ( OSTENDORFERIANA  I )  

[ Einleitung
[ Ostendorfers Holzschnitt
[ Die Ausweisung der Regensburger Juden
 [ Entstehung und Verlauf der Wallfahrt
[ Die Wallfahrt als Bildanlaß
[ Die Funktion der Druckgraphik und die Motive der Künstler ]
[ Ein zweiter Blick auf Ostendorfers Holzschnitte
[ Ostendorfer und die Reformation ]
[ Der Blick zurück ]

[ ANMERKUNGEN
[ LITERATUR ]

 

 

EINLEITUNG

In diesem Jahr [=1990] können wir den 500. Geburtstag des Namenspatrons unserer Schule, Michael Ostendorfer, begehen, sofern wir von den vermuteten Geburtsjahren kühnerweise das früheste als gültig annehmen.[1] Das Jubiläum veranlaßt uns, die Aufmerksamkeit auf diesen Maler und Zeichner zu lenken, von dessen Leben und Tätigkeit wir Schüler, Schülereltern und Lehrer nur weniges wissen - am ehesten noch, daß er einige Jahre am Hofe des Pfalzgrafen Friedrichs II. in Neumarkt tätig war.[2] Von seiner Persönlichkeit können wir uns bislang kein rechtes Bild machen.[3]    

Im folgenden möchte ich daher einmal versuchen, Ostendorfer über eines seiner Werke näherzukommen, wobei die Begleitumstände, die zu diesem Werk geführt haben, zunächst in den Vordergrund treten, letztlich dann aber doch Licht werfen auf ihn selbst. Das Werk, von dem die Rede sein soll, ist sein großer Holzschnitt "Die Wallfahrt zur Schönen Maria von Regensburg", der um das Jahr 1519 oder 1520 datiert wird.[4]

Welchen Punkt bezeichnen diese Jahre im Leben Ostendorfers? Er, der vielleicht 1490 und vermutlich in Hemau geboren ist, war zu dieser Zeit etwa 30 Jahre alt und lebte wahrscheinlich schon einige Jahre in Regensburg. Er hatte wohl ausreichend Arbeit gefunden in der großen Reichsstadt, nachdem er seine Lehr-und Wanderjahre möglicherweise in der Nähe des Malers Albrecht Altdorfer [5] oder zumindest unter seinem Einfluß hinter sich gebracht hatte. Doch erst ein Jahr nach der Entstehung des genannten Holzschnitts erwarb er das Regensburger Bürgerrecht und gelangte danach allmählich zu Ansehen - möglicherweise war das Blatt nicht unwichtig bei seiner Etablierung als anerkannter Künstler? Doch ehe wir Fragen dieser Art daran knüpfen, wollen wir uns diesen Holzschnitt erst einmal genauer ansehen.

 

OSTENDORFERS HOLZSCHNITT  [6]

Das Geschehen auf dem Holzschnitt (Abb. 1) läßt sich leicht erfassen: Dargestellt ist offenbar der massenhafte Zustrom einer Pilgergemeinde zu einer kleinen Kirche oder Kapelle, vor der, auf einer Säule stehend, das Bildwerk einer Madonna zu sehen ist, welche anscheinend mit der Bezeichnung "Schöne Maria" gemeint ist. Sieht man genauer hin, muß man diese Schilderung etwas präzisieren: Das Interesse des Pilgerstroms, der sich von zwei Seiten dem Gebäude nähert, gilt gar nicht eigentlich der Bildsäule, sondern dem Innenraum der Kirche. Vom Künstler geschickt angeordnet, sieht man durch die offene Kirchentür eine Altartafel, die eine Muttergottes zeigt (Abb. 2). Ihr wenden sich die Pilgerscharen geordnet zu, während sie um die Säule herum einen Freiraum lassen, in dem sich allerdings Merkwürdiges zuträgt:

Männer, Frauen und Kinder werfen sich vor der Säule zu Boden oder fallen krank und erschöpft nieder; sie flehen sie an in Verzweiflung oder religiöser Verzückung, in wilder Hoffnung oder irrem Wahn. Manche liegen nur langgestreckt da, andere sind im Fallen begriffen. Nur wenige Personen in diesem Kreis erscheinen relativ gelassen, sitzen oder knien unbewegt. Einer reicht mit einem Stab seine Mütze hoch zur überlebensgroßen Bildfigur der Maria; am Säulenschaft darunter stecken dargebrachte Kerzen. Rechts bringt man ein starres, vielleicht lahmes Kind herbei; dahinter nähert sich ein Zug bekränzter Mädchen. Links davon (zwischen der Riesenkerze und dem Gebäude) sind Bischöfe sichtbar.

Der Pilgerstrom, der links vorne einsetzt und dem sich der Bildbetrachter anschließen könnte, ist mit spießartigen Stangen versehen und erscheint wie ein Trupp Soldaten. Doch bei näherem Hinsehen erkennt man, daß die Stangen Kerzen tragen und daß der uns Nächststehende den Hut abgenommen hat und eine Kerze in der Hand hält. Sein Nachbar in der Reihe hat einen Rosenkranz bei sich. Dieser Zug verschwindet hinter der Kirche, als ob er um sie herumzöge. Aus ihm löst sich nach rechts eine Gruppe, die zum Portal hinstrebt, darunter eine Frau mit einer Spindel und zwei seltsam gekleidete Personen, deren Gewandung wie ein Fellüberwurf aussieht und ihre Beine nackt läßt. Vor ihnen wartet ein Ritter in voller Rüstung. Von rechts stoßen andere dazu, die aus einem zweiten Portal (von der Säule fast verdeckt) herausziehen und zum linken Tor hinstreben; die Leute ziehen also offenbar mehrmals am Gnadenbild vorbei. Manche tragen als Weihegaben Heugabeln, Rechen und Sicheln; eine Frau bringt einen Teller mit Speisen, eine andere hält einen Fisch lose in der Hand. Unter dem schindelgedeckten Vordach und an der Seitenwand der Kirche hängt allerlei bäuerliches Gerät wie Sensen, Körbe, Stiefel, Töpfe. Offenbar sind all die mitgeführten und an der Kirche befestigten Gegenstände und Gerätschaften als Opfergaben gedacht, Gaben der Bauern des Umlandes an die "Schöne Maria".

Es besteht ein seltsamer Widerspruch zwischen der Prächtigkeit der Beflaggung und der Bescheidenheit des Bauwerks. Neben einigen riesigen, von Pilgern mühsam getragenen, kreuzgeschmückten Fahnen zeigt das große Banner, das aus dem Turmfenster hängt, eine Darstellung der "Schönen Maria" mit den zwei gekreuzten Schlüsseln des Regensburger Stadtwappens. Auch die Wimpel an den Turmgiebeln weisen diese Schlüssel auf; die Fahne links hinter der Kirche zeigt nochmals die Madonna in einem Strahlenkranz.  -  Die Kirche dagegen ist schlicht, um nicht zu sagen, primitiv gebaut. Die Front ist aus rohem Holz gezimmert, der Turm in Ziegelwerk hochgeführt, mit einer schmucklosen Schallöffnung für eine einzige Glocke: Das ist kein zur höheren Ehre Gottes errichtetes Jahrhundertbauwerk, sondern ein rasch und provisorisch hochgezogenes Gehäuse für das Wallfahrtsbild.

Befremdlich wirkt schließlich, daß die Kirche offenbar umgeben ist von Ruinen - rechts und links sind an den Bildrändern die Reste zerstörter Gebäude zu sehen. Die Stimmung der Trostlosigkeit, die sie ausstrahlen, kontrastiert merkwürdig mit dem Pilgerrummel auf dem Platz.

Alles in allem genommen: ein seltsames Bild, eine seltsame Szenerie, eine seltsame Wallfahrt!

Wenn wir dieses Bild besser verstehen wollen, wenn wir wissen wollen, was es damit auf sich hat, müssen wir auch andere Quellen zu dieser Wallfahrt heranziehen. Ostendorfers Beziehung dazu läßt sich nur erkunden, wenn wir den Sachverhalt erfassen, den er darstellt - und der ist selbst denkwürdig genug. "Die Wallfahrt zur Schönen Maria von Regensburg", die hier gemeint ist (sie läßt sich aus den Beischriften identifizieren [7]), ist uns ja nicht nur in Ostendorfers Bilddarstellung überliefert, sondern auch in den Geschichtsbüchern verzeichnet. Sie gilt als die letzte neu eingerichtete Wallfahrt vor der Reformation und als eine der größten des Spätmittelalters [8], und ihr ging, wie es auch an vielen anderen Orten der Marienverehrung der Fall war, ein besonderes Ereignis voraus: Die Vertreibung der ansässigen Juden.[9]

 

DIE AUSWEISUNG DER REGENSBURGER JUDEN  [10]

Die Geschichte der Juden in Deutschland gibt uns ja immer wieder Anlaß zur Besinnung. So ist 1988 der von den Nazis hämisch so genannten "Reichskristallnacht" des November 1938 gedacht worden; so war die "Geschichte der Juden in Bayern" 1988/89 Thema einer Ausstellung in Nürnberg. Dort konnte man betroffen erfahren, daß wir uns auch der vor über 450 Jahren erfolgten Vetreibung der Judengemeinde aus Regensburg erinnern sollten.

Die Juden waren zwar in dieser Stadt eher geduldet als anderswo; z. B. blieben sie als einzige jüdische Gemeinde von den in allen deutschen Landen durchgeführten Judenverfolgungen des Jahres 1349 verschont, vielleicht, weil sie die größte Judengemeinde Deutschlands bildeten (1519 waren es etwa 500 Juden, das sind 5 - 10% der Bevölkerung).[11] Doch daß auch der spezielle Schutz des Kaisers, der ihnen in Regensburg sogar gegenüber dem Rat der Stadt eingeräumt war, nicht stets Geltung hatte, mußten sie leidvoll erfahren, als am 12. Januar 1519 ihr Schutzherr, der alte Kaiser Maximilian I., gestorben war. Dieses seinerzeit "weltbewegende" Ereignis hatte auch für Regensburg Folgen. Denn das Hinscheiden des Kaisers machte die in der Stadt durch sein Dekret geschützten Juden zumindest de facto rechtlos: Tatsächlich nutzte der Stadtrat die Chance der kaiserlosen Zeit bis zur Wahl eines Nachfolgers und ließ (in Übereinstimmung mit dem Willen der Zünfte) mittels Beschluß vom 21. Februar 1519 das gesamte Judenviertel zerstören und die Synagoge dem Erdboden gleichmachen.[12] Wohl hatten die Juden Glück im Unglück, es scheint - diesmal und hier - kein Gemetzel, sondern "nur" eine Vertreibung gegeben zu haben.[13] Auf dem ehemaligen Standort der Synagoge aber (dem heutigen Neupfarrplatz) sollte alsbald die von Ostendorfer dargestellte Marienkapelle erstehen.

Dem "Äußeren Rat" der Stadt gehörte zu dieser Zeit übrigens der genannte Albrecht Altdorfer an. Er muß hochangesehen gewesen sein, sonst hätte er kaum als Maler in die Regierung einer Freien Reichsstadt gelangen können (Jahre später wurde er Mitglied des "Inneren Rats" und zum Stadtbaumeister ernannt). Seine Mitwirkung bei der Verkündung des Ratsbeschlusses zur Judenausweisung ist belegt [14]; über seine innere Haltung zu dem Vorgang ist allerdings nichts bekannt. Seine Zustimmung im Rat zur Vertreibung der Juden muß nicht einer persönlichen Antipathie gegen diese entsprungen sein. Im Gegenteil scheint ihm beim Abriß der Synagoge wohl das Herz wehgetan zu haben; denn es gibt zwei sehr bedenkenswerte Radierungen von seiner Hand, die Innenansichten der Synagoge zeigen (Abb. 3 und 4) [15] und die wenige Tage vor dem Abbruch des Gebäudes entstanden sind. Wollte er dieses nur als Architekturdenkmal festhalten oder eher als Zeugnis jüdischer Kultur bewahren, deren Zerstörung er mitansah?

So wenig Altdorfers persönliche Meinung zu den Vorgängen zu erkennen ist, so wenig ist Ostendorfers Haltung dazu greifbar. Vielleicht ist es aber möglich, aus seinem Bildbericht über die entstehende Wallfahrt Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie Ostendorfer die Vorgänge sah; diese sollen im folgenden zunächst genauer betrachtet werden.

 

ENTSTEHUNG UND VERLAUF DER WALLFAHRT [16]

Häufig war auch anderswo auf den Standorten ehemaliger Synagogen eine Verehrungsstätte für die Jungfrau Maria errichtet worden, doch hat man sich in Regensburg besonders beeilt, vollendete Tatsachen zu schaffen, ehe der neue Kaiser gewählt war.[17] Daß es hier aber nicht nur wie andernorts zur Errichtung einer Marienkirche oder -kapelle, sondern zur Entstehung einer Wallfahrt kam, ist besonderen Umständen zu verdanken: einem Zufallsereignis, dem Einfluß einer starken Persönlichkeit und der religiös-gesellschaftlichen Umbruchstimmung der Zeit.

Das bemerkenswerte Ereignis: Während der Abbrucharbeiten an der Synagoge im Februar 1519 geschah ein Arbeitsunfall, bei dem der Steinmetz Jakob Kern von 20 Zentnern Gestein begraben wurde. Als er schon am selben Abend offenbar quicklebendig wieder auf der Baustelle erschien, war die Rede von einem Wunder schnell in Umlauf gebracht - niemand konnte ahnen, daß der arme Mann nach knapp einem Jahr an den Spätfolgen des Unglücks versterben sollte.[18]

Die angesprochene starke Persönlichkeit, die die Wallfahrt auf den Weg brachte, war Dr. Balthasar Hubmair.[19] Seit 1516 neuer Domprediger von Regensburg, hatte er in dieser Funktion alsbald antijüdische Hetzreden gehalten. Und obwohl der Kaiser ihn deshalb bereits abgesetzt und verbannt hatte, holten Stadtklerus und Rat ihn nun zurück und inszenierten im Februar 1519 in Windeseile die Judenausweisung. Hubmair erkannte sofort die Chance, den glimpflich verlaufenen Unfall zu einer Kampagne zugunsten einer Wunderwallfahrt zu nutzen. In nur sechs Wochen wurde mit Hilfe der vom Wunder motivierten Spender und vieler freiwilliger Handlanger die provisorische Holzkapelle errichtet [20], um künftighin als Magnet der Massen zu wirken. Und Hubmair verkalkulierte sich nicht, wenn er erwartete, daß die unrechtmäßige Tat der Judenausweisung alsbald vom Glanz der Marienverehrung überstrahlt werden würde.

Nach Hubmaiers Vorschlag taufte man die Kapelle "Zur Schönen Maria" (sie hieß daneben auch "Neue Kapelle" im Unterschied zu der in Regensburg schon anderwärts bestehenden "Alten Kapelle").[21] Schon vor der Weihe wurde eine alte Bildtafel (Abb. 5) auf einem marmornen Altar angebracht, die man gefunden haben wollte und deren Madonnendarstellung angeblich auf den Hl. Lukas zurückging.[23] Nur Tage später stellte man die überlebensgroße steinerne Bildsäule der "Schönen Maria" auf, die - vom Dombaumeister Erhard Heydenreich einige Jahre zuvor gemeißelt - offenbar von unbekannter Seite für die Wallfahrtskapelle gestiftet wurde.[24]

Welches Ausmaß binnen kürzester Zeit die Wallfahrt annahm, ergibt sich aus den zeitgenössischen Schriftquellen. So werden Verkaufszahlen von 10.000 Wall­fahrtsabzeichen (= aus Metall gegossene Plaketten mit der Wiedergabe der verehrten Madonna, Abb. 11)[26] für das Jahr 1519, von 120.000 für 1520 genannt; 25.000 gehaltene Messen in den ersten drei Jahren [27] und 731 Wunder im selben Zeitraum wurden registriert.[28] An einzelnen Tagen des Jahres 1520 sollen Pilgerzahlen von 27.000 bis 50.000 Personen gezählt worden sein. Der Umkreis der entferntesten Herkunftsorte der Pilger wird mit den Namen Brünn, Preßburg, Ofen (= Buda), Graz, Innsbruck, Colmar, Merseburg, Leipzig, Breslau abgesteckt.[29] Baxandall schreibt:

"Am ersten Juni [des Jahres 1519] erließ Papst Leo X. eine Bulle, die die vorschriftsmäßig durchgeführte Wallfahrt zu der Kapelle mit einem Ablaß von hundert Tagen ausstattete... [30] 1520 nahm das Ganze mehr und mehr die Züge einer irrationalen und zügellosen Massenbewegung an ... Die Wallfahrer kamen zu Tausenden, oft sogar ganze Dorfgemeinschaften; einige erschienen nackt, andere auf den Knien kriechend. Visionen und Wunder mehrten sich in einer Weise, die jedes glaubwürdige Ausmaß überschritt; Menschenmengen tanzten schreiend um die Statue." [31]

Das "Wallfahrtsfieber ... breitete sich aus und trieb die Menschen wie unter unerklärlichem Zwang nach Regensburg, gleichgültig, von welcher Tätigkeit weg." [32] Von dem "spontanen Laufen" sind die zeitgenössischen Berichterstatter sehr beeindruckt; nicht weniger aber vom "Fallen" und "Tanzen".[34] Sebastian Franck schreibt zehn Jahre nach den Ereignissen in seiner Chronik:

"Etlich so sy in den tempel kamen / vnd das bild ansichtig wurden / fie­len sy ernider / als hett sy der tropff vn-donner erschlage-. Da diß der toll böfel [= Pöbel] sahe / dz etlich fielen / meynte- sy es wer Gottes krafft / es müßt yderman an diser statt fallen / da hub sich ein solch fallen ... das schier yederman der dahin kame / an dise statt fiel / vil auß dem böfel die alda nitt fielen / gedauchten sich des vnselig sein / vnd nöteten sich gleich zufallen..." [35]

Stahl ergänzt: "Es wurden eigens Helfer bestellt (und bezahlt), um die ihrer Sinne nicht mehr mächtigen Pilger fortzutragen." [36] Und ein anderer Betrachter der Quellen kommt zu dem Schluß: "Manche Äußerungen deuten darauf, daß die enthusiasmierten Gläubigen sich wie besinnungslos gebärdeten." [37]

Der Schilderung Stabers zufolge waren die ekstatischen Auswüchse erst im Mai 1520 zu verzeichnen: die Menschen gerieten in eine seelische Hochspannung,

"...die bei vielen in eine Psychose ausartete, so daß sie bei Tag oder Nacht vom Feld oder von der Arbeit weg ohne sich umzuziehen, mit ihrem Werkzeug in der Hand, ohne Essen und Trinken nach Regensburg liefen. Die Kinder kümmerten sich nicht um die Abmahnung ihres Vaters, die Dienstboten konnten von ihren Herrschaften nicht zurückgehalten werden. Am 11. Mai 1520 fielen plötzlich einzelne Pilger vor dem steinernen Marienbild auf dem Kapellenplatz nieder, streckten Arme und Beine von sich, zitterten, zuckten, weinten und schrien. Acht Tage hindurch konnte man solche Erregungszustände beobachten. Einmal tanzten die Leute unter Geschrei und Geheul um das Bild herum." [38]

Die Ekstase, die die Wallfahrer offensichtlich erfaßt hatte, ist zwar durch Hubmairs Propaganda angeheizt worden [38a], aber gleichwohl nur vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Glaubensverunsicherung zu verstehen, die jedermann vor die Entscheidung stellte, wie er es mit dem Christentum hielte.[39] Noch ehe die Reformation Luthers zur konfessionellen Spaltung geführt hatte, waren die Menschen hin- und hergerissen durch die Reden und Schriften ketzerischer Wanderprediger, die sich teils gegen die Papstkirche richteten, teils neue soziale Ideen verkündeten.[40] Manch einer versuchte, sein Welt- und Gottesbild als den Königsweg aus der Mühsal der Zeit anzubieten - nicht verwunderlich, daß der Marienkult vielen Halt gab, indem sie ihre Hoffnungen lieber auf die Gottesmutter richteten als auf die wechselnden Predigerstimmen.

Diese wechselten sehr; auch die Stimme Hubmairs änderte ihren Klang. Keine fünf Jahre nach der Ausrufung des Marienwunders (nach der er alsbald Kaplan der "Schönen Maria" geworden war) vollzog er einen Frontenwechsel, wurde zum erklärten Wiedertäufer und ging 1528 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen zugrunde.[41] Daß ein Mann wie Hubmair, dem die Schöne Maria soviel Verehrung verdankte, so rasch den neuen Ideen nachgeben und sich gar einer ihrer radikalsten Richtungen zuwenden konnte, zeigt einmal mehr, welche Erschütterung in den Grundfesten des Weltbildes, welche Zeitenwende im Geist der Menschen sich damals aspielte. Auch das so jähe Abklingen der Wallfahrt schon wenige Jahre nach ihrem plötzlichen Aufschwung ist ein Beleg für das Gären der Zeit, das Blasen wirft, die alsbald zerspringen.[42]

Die Reformatoren standen der Wallfahrt jedenfalls sehr ablehnend gegenüber. Luther äußerte in einem Brief an den Rat der Stadt von 1523, das Evangelium könne nicht schön werden, die "Schöne Maria" werde denn häßlich.[43] Schon 1520 hatte er in seinem Sendbrief "An den christlichen Adel deutscher Nation..." über die "wilden Kapellen" wie die "itzt in Regenspurg" geschrieben:

"O wie schwer, elend Rechenschaft werden die Bischof mussen geben, die solchs Teufelsgespenst zulassen und Genieß davon empfangen: sie ... sehen nit, daß der Teufel solchs treibt, den Geiz zu stärken, falsche, erdichtete Glauben aufzurichten, Pfarrkirchen zu schwächen, Tabernen und Hurerei zu mehren, unnutz Geld und Arbeit verlieren und nur das arm Volk mit der Nasen umfuhren." [44]

Dürer, dessen unter großen Zweifeln erworbene und stets schwankende Sympathien für die Reformation bekannt sind [45], besaß ein Exemplar des Ostendorfer-Pilgerholzschnittes (es ist das heute in Coburg befindliche, Abb. 1) und versah es 1523 mit einer eigenhändigen Aufschrift, die seine Ablehnung der Wallfahrtsauswüchse deutlich macht (und in der Formulierung Luther anklingen läßt):

"Dies Gespenst hat sich wider die heilige Schrift erhoben zu Regenspurg und ist vom Bischof gestattet worden, zeitlichen Nutzens wegen nicht abgestellt. Gott helfe uns, daß wir seine werte Mutter nicht so verunehren, sondern allein in Christi Jesu. Amen." [46]

Der Pestausbruch Ende 1520 in Regensburg, der 3000 Tote forderte und Hubmair zum vorübergehenden Verlassen der Stadt veranlaßte, hat die Wallfahrt (die auch zur Verbreitung der Seuche beitrug!) nur zeitweilig gedämpft; nach zwei Jahren kam sie wieder in Schwung, und Hubmair kehrte als Kaplan zurück (1522). Als er nach wenigen Monaten dann Regensburg endgültig verließ, hat vielleicht auch das zum Nachlassen des Interesses beigetragen.[47] Das Ende der Wallfahrt erklärt sich, alles in allem, wohl doch auch aus ihrer eigenen Maßlosigkeit.[48]

 

DIE WALLFAHRT ALS BILDANLASS  [49]

Zunächst steuerte Albrecht Altdorfer Bilder zur Wallfahrt bei, war an der "Ausstattung" des Wunders beteiligt. Er bemalte das Fahnentuch [50], das auf Ostendorfers Darstellung aus dem Kirchturmfenster hängt - zweifellos ein Auftragswerk für Regensburg: Die Schlüssel sprechen deutlich aus, daß die Stadt das Marienwunder trug (und umgekehrt). Altdorfer stellte die "Schöne Maria" in vielen Zeichnungen und Drucken dar.[51] Er führte ihr Bild in neuartiger, komplizierter Technik als sechsfarbigen Holzschnitt aus (Abb. 7) [52] und entwarf ihr einen reichen Renaissance-Altar nach venezianischen Vorbildern, den er ebenfalls im Holzschnitt (diesmal nur in schwarz-weiß) vervielfältigte (Abb. 8).[53] Während dieser geplante Altar mit der Ganzfigur der Maria möglicherweise niemals ausgeführt worden ist [54], stammt ein beeindruckendes Gemälde der "Schönen Maria" von Albrecht Altdorfers Hand (Abb. 6).[55]

Auch Michael Ostendorfer hat - neben dem Pilgerholzschnitt der Abb. 1 - weitere Beiträge zur Verbildlichung der Wallfahrt geliefert. So wurde er für eine ganze Reihe von Titelholzschnitten und Textillustrationen zu den sogenannten "Mirakelbüchern" [55a] tätig, setzte seine Fähigkeiten also auch für die der Wallfahrt gewidmete (und sie propagierende) Buchproduktion ein (Abb. 9, 12, 13).[56] Er gab auch den Entwurf eines Sakramentshäuschens für die Kirche der Schönen Maria in einem großen Holzschnitt heraus.[57]

Am wichtigsten wurde aber ein weiterer großer Bilddruck. Bereits im Verlauf des Jahres 1519 hatte der Pilgerstrom derartig zugenommen, daß Hubmair und seine Mitstreiter umgehend den Entschluß faßten, der "Schönen Maria" einen großen, würdigen Kirchenbau aus Stein zu errichten, der an die Stelle der provisorischen Holzkapelle treten sollte.[58] Dazu nun schuf Ostendorfer um 1520 einen weiteren Holzschnitt, der das Aussehen des geplanten Baus darstellte (Abb. 14).[59]  Zugrunde liegt dem Blatt ein hölzernes Modell des Augsburger Steinmetzen und Baumeisters Hans Hieber (Abb. 15), das als "das früheste erhaltene Gesamtmodell" [60] eines Kirchenbaus in Deutschland gilt (zu spät datiert auf 1523, tatsächlich um 1520).[61] Es diente allerdings nicht als Arbeitsvorlage für die Bauausführung, sondern eher als "Schaustück für die Bauherren, die Bürger und vielleicht für die Wallfahrer". [62]

Diese Bau-Idee, überliefert durch das imposante Modell mit den fast mannshohen Türmen [63], zählt "in der kühnen Addition der einzelnen Bauglieder und der raumschöpferischen Vielfalt stets wechselnder Ansichten innen wie außen ... zu den bedeutendsten Leistungen der süddeutschen Frührenaissance".[64] Es handelt sich um die Verquickung eines (westlichen) sechsseitigen Zentralraumes mit einem (östlichen) Langchor, jeweils ergänzt um zweigeschossige Seitenkapellen bzw. -schiffe.[65] (Die Wahl von Zentralräumen ist typisch für Marienheiligtümer gewesen).[66]

Ostendorfers Beziehung zu diesem Modell ist eng: Nicht nur, daß es ihm als Vorlage für seinen Holzschnitt (Abb. 14) gedient hat; er hat auch den für den Bau beabsichtigten Skulpturenschmuck entworfen, d.h., am Modell selbst entsprechende Zeichnungen bzw. Bemalungen angebracht [67] (Abb. 15a). Zu diesen Figuren wurde er stilistisch möglicherweise durch die Nischenfiguren aus Altdorfers Altarprospekt (Abb. 8) angeregt.[68]

Der Bau, den das Modell und der Holzschnitt ankündigten, kam indes nicht weit. Noch 1519 u.a. mit den Grabsteinen des jüdischen Friedhofes [69] begonnen, blieb er, als nach wenigen Jahren der Ansturm des Publikums zur "Schönen Maria" abflaute, unvollendet stehen; nur der Langchor war errichtet worden und mußte provisorisch mit einer flachen Mauer abgeschlossen werden. Die Wallfahrt war um 1525 "praktisch erloschen. An die Errichtung des sechseckigen Zentralbaus der Wallfahrtskirche war nicht mehr zu denken." [70]

 

DIE FUNKTION DER DRUCKGRAPHIK UND DIE MOTIVE DER KÜNSTLER

Es fällt natürlich auf, daß die Bildbeiträge, die Altdorfer und Ostendorfer zur Wallfahrt leisteten, überwiegend druckgraphische Erzeugnisse sind. Die Druckverfahren - Holzschnitt, Kupferstich und Radierung - waren zu dieser Zeit noch relativ junge Techniken, wenn es auch Albrecht Dürer und andere darin schon zu größter Meisterschaft gebracht hatten. Diese Druckmedien waren dazumal die einzig mögliche Form, Inhalte an eine größere Zahl von (meist ja analphabetischen) Menschen zu vermitteln. Gerade die Belange einer Wallfahrt wie dieser schufen ein enormes Bedürfnis nach Vervielfältigung, ebenso wie zeitgleich auch die reformatorischen Auseinandersetzungen nach dem Druck von Schrift und Bild verlangten.[71]

Natürlich verbanden sich mit dem Vertrieb gedruckter Bilder wirtschaftliche Interessen. Einerseits erlaubte die Drucktechnik erstmals den Erwerb von Bildern zu so niedrigen Preisen, daß jeder sie sich leisten konnte, der überhaupt über klingende Münze verfügte. Andererseits stellte diese Technik zum erstenmal eine Quelle stetig fließender Einnahmen für einen Künstler dar.[72]  Je größer der Ansturm zur Wallfahrt war, mit umso größerem Absatz der ihr gewidmeten Bildblätter konnte gerechnet werden. Von den Pilgern vor Ort erworben, dienten sie nicht nur ihnen selbst als Souvenirs, sondern nach ihrer Rückkehr auch den Daheimgebliebenen zum Ansporn, sich selbst auf den Weg zu machen.

Wenn die oben zitierte Zahl der verkauften Wallfahrtsabzeichen zutrifft, so dürfte auch der Absatz der Holzschnitte Altdorfers (Abb. 7, 8, 10)[73] und Ostendorfers (Abb. 9, 12, 13) nichts zu wünschen übriggelassen haben. Dasselbe wird wohl für Altdorfers zahlreiche kleine Radierungen mit Darstellungen der Schönen Maria gelten [74], die als Andachtsblättchen vertrieben wurden. Auch das Blatt Ostendorfers mit dem Kirchenentwurf (Abb. 14) war zum Verkauf an die Stadtbürger und an die Wallfahrer bestimmt, die mit dem Kaufpreis den Säckel der Bauherren - sprich: der Stadt - füllen halfen.

Stellt man die Frage nach den Motiven der Künstler, die Wallfahrt darzustellen, so können die Antworten darauf nur Vermutungen sein. Zwischen den Extremen tiefer innerer Beteiligung und gleichgültiger Teilnahmslosigkeit sind alle Positionen denkbar. Vielleicht hat Albrecht Altdorfer Sympathien für die verjagten Juden und stellt deshalb ihre Synagoge dar (Abb. 3 u. 4)? Oder darf man ihm kaltherziges Ausnutzen ihrer seelischen Not (durch gewinnbringenden Verkauf der Blätter an sie) unterstellen? [75] Entsprachen seine vielfach variierten Darstellungen der "Schönen Maria" einem religiösen Anliegen, oder zielten sie nur auf materiellen Vorteil? [76]

Was Michael Ostendorfer betrifft, um den es uns ja eigentlich geht, so sind wir in keiner besseren Lage. Obgleich auch er die Geschehnisse hautnah miterlebt haben muß, läßt sich nicht auf Anhieb sagen, ob er den Ansturm auf die Wallfahrtskapelle (Abb. 1) zustimmend schildert oder aber mit kritischer Distanz. Haben die ekstatischen Gläubigen sein Mitgefühl, oder steht er auf der Seite der Reformatoren, denen (wie auch Dürer) solch Treiben ein "Gespenst" war? [77] Entsprechendes gilt für den Holzschnitt mit der Neubaukonzeption (Abb. 14). Wir wissen übrigens in beiden Fällen nicht, ob Ostendorfer im Auftrag der Stadt handelte (von deren Besoldung er möglicherweise abhängig war), oder ob er auf eigene Faust den sich darbietenden Absatzmarkt anvisierte. Wenn er - wie anzunehmen - nur "Reißer" (= Zeichner), nicht auch Formschneider oder gar Drucker seiner Holzschnitte war, so hatte er auch Unkosten.[78] Kurz: wieviel Gewinn der Künstler aus dem Verkauf der Blätter zog, wissen wir nicht.

 

EIN ZWEITER BLICK AUF OSTENDORFERS HOLZSCHNITTE

Betrachten wir den Wallfahrts-Holzschnitt (Abb. 1) noch einmal genauer. Ohne Zweifel ist die Darstellung von einem gleichsam "journalistischen" Interesse geprägt, d.h., der Künstler bemüht sich darum, einen tatsächlich stattfindenden, aufsehenerregenden Vorgang getreu wiederzugeben. Das erzeugt einen "Realismus" der Darstellung, der in der Wiedergabe von Einzelheiten Augenzeugenschaft bekundet und  Glaubwürdigkeit beansprucht: So war's, was wir sehen, ist geschehen. (Die Botschaft heißt zugleich: So ist es noch, kommt her und seht selbst!).

Die darstellungstechnischen Errungenschaften der Renaissance, wie insbesondere die Wiedergabe von Körperlichkeit und Räumlichkeit, stehen Ostendorfer zur Verfügung, wenn auch nicht in höchster Vollendung: Die Weite des Platzes vor der Kirche und die Vielköpfigkeit der Menge werden durch die Größenstaffelung der Figuren von vorne nach hinten deutlich. Man vergleiche etwa, wie der Menschenstrom an der linken Flanke der Kirche entlang in die Tiefe führt oder an ihrer rechten Seite nach vorne drängt. Die Leere des freigelassenen Umraums der Bildsäule wird andererseits auch geschickt durch Kontraste erzeugt, etwa durch den Größenunterschied zwischen der letzten Figur der "Warteschlange" links vorne und den Pilgerreihen darüber, der die beabsichtigte Distanz herstellt. Entsprechendes gilt für die drei Größengruppen vor, bei und hinter der Mariensäule. Die Personen im Vordergrund - insbesondere die Rückenfiguren links und in der Mitte - bieten sich dem Betrachter als Identifikationsfiguren an und öffnen ihm damit den Blick, ja fast den "Weg" in den Bildraum.

Im Gegensatz zu dieser räumlichen Tiefe steht, andererseits, ein seltsames Verwobensein und Verknüpftsein der kleinteiligen Bildstrukturen miteinander auch an Stellen, an denen die räumliche Klarheit eine Trennung verlangen würde: Wie die Köpfe der Pilgerreihen "aneinanderkleben", wie die Menschen sich kaum von der Gebäudefront abheben, wie - am deutlichsten - die Bildsäule der "Schönen Maria" kaum Abstand hält zur Kirchenfassade: darin liegt eine Aufhebung der zuvor konstatierten Tiefenwirkung und mithin ein Zwiespalt hinsichtlich der Räumlichkeit insgesamt.[80] Fast möchte man unterstellen, die Szenerie hätte ihre räumliche Klärung erst in einer noch aufzubringenden Kolorierung (= Ausmalung mit wässrigen Farben) gewinnen sollen.[81]

Ziehen wir zu dem Problem der Raumdarstellung noch den anderen Holzschnitt Ostendorfers  (Abb. 14) heran, so läßt sich wiederum eine Unentschiedenheit zwischen stark tiefenräumlichen Tendenzen und ihrer Aufhebung feststellen.[82] Ostendorfer sind die perspektivischen Konstruktionsprinzipien - die zu seiner Zeit ein noch relativ neues Instrumentarium darstellten - geläufig, jedoch übersteigt die Kompliziertheit der Anlage des geplanten Baus seine Fähigkeiten an einigen Stellen. Zwar gelingen ihm Einzelbeobachtungen an dem sechseckigen Baukörper des Westteils (und der Vergleich mit der Abb. 15 erhellt, wie genau er, vor dem Modell sitzend, hingeschaut hat!): die elliptische Verzerrung der Fensterrosen, die Mauerfugen-Flucht, die Rundung der Kapellenanbauten (Konchen) sind wohl erfaßt - doch Körper gewinnt das alles nicht, eine Raumvorstellung will sich nicht so recht einstellen. Selbst mit dem Größenunterschied der Staffage-Figuren, die um die Kirche herumspazieren [83], gelingt es ihm nicht, wirklich Tiefenraum zu schaffen.

Betrachten wir die Behandlung der Hintergünde: In Abb. 1 ist die Freistellung der Gebäudekontur vor einem blankweißen Himmel für die damalige Zeit ungewöhnlich und läßt vermuten, die Flächen beiderseits des Turms wären einer späteren Beschriftung, z.B. in Form einer Zueignung für oder durch den jeweiligen Wallfahrer, vorbehalten worden.[84] Die Anordnung der Himmelserscheinungen auf dem anderen Blatt (Abb. 14) -  Maria in der Mandorla, zwei Engel mit dem Reichs- und dem Stadtwappen - ebenso wie die des Textes und der Wolken erscheint ungeschickt, und wenn auch gegenüber der Abb. 1 die Leere des Himmels vermieden ist, so ist dessen Füllung hier doch auch nicht befriedigend.

Wir gewinnen allmählich einen Begriff von Ostendorfers künstlerischem Rang zumindest in dieser Zeit: Vergleicht man ihn mit Dürer, Holbein, Cranach, selbst mit Altdorfer, so erreicht er diese nicht. Sogar vielfigurige Szenen Schongauers (der ein halbes Jahrhundert vor Ostendorfer gelebt hat) sind hinsichtlich Bildbau und Lebendigkeit der Figuren überzeugender. Dies läßt sich auch aus der Qualität der Figurengestaltung des Wallfahrtsholzschnittes (Abb. 1) ablesen: Wo dem heutigen Auge die Aktionen der Menschen vor der Statue seltsam starr, steif, puppenhaft, eher komisch als dramatisch erscheinen, da sind doch wohl auch Ostendorfers Grenzen erkennbar; was an mittelalterlichen szenischen Darstellungen reizvoll naiv wirkt, erscheint hier eher unbeholfen und zaghaft.[85] Diese Einschränkung bedenkend, sehen wir aber auch deutlich, daß Ostendorfer Dramatik will, daß die Akteure an der Säule ekstatisch wirken sollen - die Bemühung des Künstlers darum bleibt stets spürbar.

Die gewollte Unordnung, das Durcheinander von Körperhaltungen und Bewegungen ist so betont entgegengesetzt dem geordneten Zug der Pilger um die Kirche herum, daß man Ostendorfers Zeigefinger zu spüren meint: "Welche Verwirrung!" Die Distanz, die die "ordentlichen" Wallfahrer zu den "wilden" in der Mitte des Platzes halten, dient nicht nur als künstlerisches Mittel, die Gruppe der letzteren zu betonen. Die Pilger "außen" konstituieren durch diese Distanz auch erst den leeren Platz, und indem sie dies tun, drückt sich auch ihr "innerer" Abstand gegenüber dieser Gruppe aus.

Wir können nicht feststellen, ob sich die Differenzierung zwischen diesen beiden Pilgergruppen aus ihrem jeweils unterschiedlichen Ziel (nämlich der Altartafel der "Schönen Maria" einerseits, ihrer Bildsäule andererseits) ergibt; wir wissen nicht einmal, ob die Zeitgenossen diesen Unterschied der Ziele überhaupt gemacht haben.[85a] Falls Ostendorfer sich mit seiner Darstellung der "Auswüchse" der Wallfahrt auf diesen Unterschied bezieht, so mag sein Vorbehalt vielleicht bloß gegen die Verehrung der plastischen Figur gerichtet sein, wobei die Psyche der Menschen damals Ekstase sicher eher gegenüber der Vollfigur aufkommen ließ als gegenüber dem flachen Bild.[86]

Nun sind aber die "geordneten" Pilger auch nicht emotionslos zum Objekt ihrer Verehrung gezogen, und daher läßt sich die Darstellung auch so lesen, daß die "wilden" Verhaltensweisen vor der Säule nur als "Gipfel" gezeigt werden, als Maximum einer auch im gemäßigteren Fall angreifbaren Praxis. Diese letztere Interpretation, die die Kritik des Künstlers auf das Wallfahrtswesen überhaupt, nicht nur auf seine Auswüchse, bezieht, ist wohl die weitestgreifende und damit auch unsicherste. Vielleicht läßt sie sich aber durch eine Reihe weiterer Hinweise aus Michael Ostendorfers Leben und Werk stützen.

 

OSTENDORFER UND DIE REFORMATION

Unser Versuch, nach Ostendorfer zu "greifen", gelingt nur schwer. Kaum glauben wir ihn gefaßt zu haben, schon entgleitet er uns wieder. Das gilt auch für das letzte Problem, das hier betrachtet werden soll: War Ostendorfer ein Anhänger der Reformation?

Dafür spricht eine Vielzahl von Indizien, die sich aus der Thematik seines erhaltenen Werkes ergeben und aus den Persönlichkeiten, mit denen er Umgang hatte (seien es seine Auftraggeber oder die Modelle seiner Porträts).[87] Und dennoch sind auch sie letztlich keine handfesten Beweise.

Man mag vermuten, daß Ostendorfer um 1534 dem Ruf des Pfalzgrafen Friedrich II. nach Neumarkt gerne gefolgt ist.[88] Am Hof dieses Statthalters der Oberpfalz, der von Amberg hierherverlegt worden war, wirkte Ostendorfer als Hofmaler und wird dabei das ganze Auf und Ab der unentschiedenen Haltung Friedrichs in der Konfessionsfrage miterlebt haben. Der Pfalzgraf hatte bereits 1521 den Reformator Martin Butzer (Bucerus) in Neumarkt predigen lassen [89], sich dann allerdings (1524) gegen die neue Lehre gewandt.[90] Etwa ein Jahrzehnt lang gab er sich katholisch, doch erlaubte er 1538 - vielleicht unter Einfluß seiner dänischen Ehefrau - die Spendung des heiligen Abendmahls an die Gemeinde in beiderlei Gestalt und die Verehelichung der Geistlichen; von da ab galt er als endgültig lutherisch gesinnt. 1546 verkündete Friedrich - inzwischen Kurfürst und wieder mit dem Hof (und dem Hofmaler Ostendorfer) in Amberg - seinen Anschluß an Luthers Lehre mit der Mahnung an die Stände, seinem Beispiel zu folgen.[90a]

Der neue Kaiser Karl V. war ein strenger Gegner der Reformation und bekämpfte und besiegte schließlich (1547) sogar mit seinen Truppen den (protestantischen) Schmalkaldischen Bund, dem der (nunmehrige) Kurfürst Friedrich II. im Jahr zuvor beigetreten war. Daher macht das Wappen nachdenklich, das der Kaiser Ostendorfer 1534 verliehen hatte (eine für den niederen Adel und den gehobenen Handwerkerstand übliche Auszeichnung).[91] In Ostendorfers Fall zeigte es einen sogenannten Basilisken. Das ist eines jener Fabeltiere, die teils schon in der Antike, dann im Mittelalter und oft sogar noch weit bis in die Neuzeit hinein häufig dargestellt wurden. Der Basilisk speziell galt nun aber als Symbol für den "Antichrist" bzw. für den "Ketzer" [93], und da man in der Reformationszeit seitens der romtreuen Kirche die Protestanten mit eben diesen Begriffen belegte (wie umgekehrt der Papst im reformatorischen Schrifttum als "Antichrist" erscheint), so erhebt sich der Verdacht, ob nicht mit der kaiserlichen Wappenverleihung auch eine mehr oder weniger versteckte Kennzeichnung des Empfängers verbunden war, die Wappenverleihung auch eine Kritik des katholischen Kaisers am protestantischen Untertan war und nicht nur eine Ehre.[94]

Als der Kurfürst 1547 nach Heidelberg weiterzog, mochte oder konnte Ostendorfer ihm offenbar nicht folgen und versuchte lieber sein Glück erneut in Regensburg, wo er seit 1549 wieder nachweisbar ist. Weil in dieser Stadt seit 1542 die lutherische Lehre offiziell eingeführt war, konnte er sich - wenn er protestantisch war - dort zuhause fühlen und auch Arbeit finden.[95] So illustrierte er "in reformatorischem Geiste" die Lehrbücher des Nicolaus Gallus, des Regensburger Superintendenten der dortigen evangelischen Gemeinde, der ihm eine reiche Auftragsproduktion verschaffte (ab 1552).[96] Für die Fürstenbildnisse, die Ostendorfer schon in seiner Neumarkter und Amberger Zeit und danach für den Holzschnitt gezeichnet und auch gemalt hatte [97], ist sicher keine lutherische Gesinnung erforderlich gewesen, doch der rege Kontakt mit protestantischen Auftraggebern (wie den Nürnberger und Regensburger Druckern [98]) spricht doch für eine einschlägige Haltung. Daß Ostendorfer z.B. Hans Sachs, den "Schuster und Poet dazu" (Abb. 16), porträtiert hat, der neben seinen vielen anderen volkstümlichen Texten Luther als die "Wittenbergisch Nachtigall" gefeiert und auch sonst eifrig für die evangelische Propaganda im Nürnberger Raum gewirkt hatte, weist in diese Richtung.[99] Auch Ostendorfers Gönner der späten Jahre, Dr. Johann Hiltner, war ein eifriger Verfechter der reformatorischen Sache.[100] Schließlich zeigen auch die Illustrationen zu wissenschaftlichen Werken (etwa des Ingolstädter Astronomen Peter Apian oder des großen Gelehrten Johann Thurmair, genannt Aventin), daß er mit den "Aufklärern" seiner Zeit Kontakt hatte (Abb. 18 und 19).[101]

Ein weiteres Thema, das Ostendorfer 1530 mehrmals aufgriff [102] (ebenso wie Cranach im gleichen Jahr), nämlich das Judith-Holofernes-Thema, galt im Mittelalter als Sinnbild des Sieges der Demut über den Hochmut und die Sinnlichkeit und wurde im Florenz des 15. Jahrhunderts zum Symbol städtischer Freiheit. Auch wird die Judith-Thematik mit dem 1530 (!) gegründeten Schmalkaldischen Bund der protestantischen Fürsten und Städte zusammengesehen. Der Kunstwissenschaftler Schade meint, die Judith-Darstellungen Cranachs [und dann sicher auch die Ostendorfers] seien ­"letzten Endes Symbole der protestantischen Städte gewesen". [103]

Der überzeugendste Beleg für eine reformatorische Haltung Ostendorfers ist jedoch der Evangelische Altar (Abb. 20) für die, nach dem kaiserlichen Interim von 1548-1552 [104], wiedereröffnete Neupfarrkirche.[105] Als dessen Urheber bezeugt er seinen persönlichen Protestantismus - man kann sich nur schwer vorstellen, daß das Bildprogramm des Altars von einem Katholiken, gar einem Marienverehrer hätte ausgeführt werden können (bzw. vom Auftraggeber, der protestantischen Gemeinde, einem solchen anvertraut worden wäre) [106]. Die engen Bezüge dieses Flügelaltars zur neuen Lehre können hier nicht ausführlich behandelt werden.[107] Er steht jedenfalls in der Tradition der sogenannten evangelischen Rechtfertigungsbilder der Cranach-Schule, in denen die Betonung des Wortes Gottes durch die Predigt, die Erlösung durch den Gekreuzigten, das Abendmahl in beiderlei Gestalt, die Taufe und die Beichte als die essentiellen Glaubensfundamente zum Inhalt der Darstellung werden.[108]

Dieser Reformationsaltar, entstanden in den Jahren 1553-55,  war das letzte große malerische Werk Michael Ostendorfers. Er war durch Alter, Krankheit, Armut und das "elente Haußhalten" seiner zweiten Ehefrau in seiner Arbeitskraft geschwächt [109], und hat nicht nur das ihm noch mögliche Maximum an Können, sondern wohl auch sein Herzblut in dieses Werk gelegt. Vorstellbar, daß er ganz bewußt gerade für das evangelische Gotteshaus, das an der Stelle der einst vor seinen Augen niedergelegten Synagoge stand, sein Bestes gegeben hat.[110]

Die Mißgunst von Konkurrenten, die ihm in seinen letzten Jahren entgegenschlug [111], das faktische Arbeitsverbot im Bruderhaus, in das er verarmt gegangen war, sind vielleicht auch ein Ausdruck des Neides auf diesen großen Auftrag, für den Ostendorfer gleichwohl nur schlecht entlohnt wurde.[112] Denn damals fanden die Künstler der Stadt in der lutherischen Umgebung kaum mehr kirchliche Auftraggeber, von denen sie vor der Einführung der Reformation hauptsächlich existiert hatten; auch Ostendorfer selbst hatte aus diesem Grunde keine einträglichen Aufträge mehr. Als er 1559 starb, hatte er seit dem Neupfarr-Altar nichts mehr gemalt, wenn er auch nach wie vor Entwürfe für den Holzschnitt geliefert hatte.[113]

Obgleich wir weiterhin die Möglichkeit nicht ausschließen können, daß ein Künstler damals auch für Personen abweichender religiöser Gesinnung arbeiten konnte (vielleicht sogar mußte wegen der schlechten Auftragslage), erscheint es angesichts all dieser Belege nicht zu gewagt, in Ostendorfer einen Anhänger der Reformation zu sehen. Wenn er aber Lutheraner war, dann könnte er es unter dem Eindruck der Wallfahrtsereignisse geworden sein, dann könnte er sich unter dem Einfluß der Reformatoren nicht nur von dem Betrieb um die "Schöne Maria", sondern von der Marienverehrung überhaupt distanziert haben.

 

DER BLICK ZURÜCK

Mit diesen Betrachtungen haben wir den Versuch gemacht, die Persönlichkeit Michael Ostendorfers "einzukreisen". Dabei haben wir uns meist peripher bewegt, wie die Pilger um die freie (und chaotische) Mitte, ohne daß wir das Zentrum, den Künstler oder gar den Menschen Ostendorfer selbst, wirklich zu fassen bekommen hätten. Allzuviel ergibt sich nur indirekt, bleibt Vermutung, auch wenn wir ihn uns nach allen hier zusammengetragenen Befunden besser vorstellen können als bisher.

Zum Schluß will ich unserer Vorstellung von ihm noch einmal Nahrung geben mit einem letzten Hinweis auf eine Auffälligkeit in Ostendorfers Pilgerholzschnitt: Dort liegt, quer hinter (oder eigentlich: vor) der knieenden Rückenfigur des Vordergrundes, langgestreckt auf dem Bauch ein Jüngling mitten unter den erregten Menschen, der keineswegs erschöpft oder leidend, sondern ganz entspannt wirkt (Abb. 21). Die Beine hat er lässig übereinandergeschlagen; bequem stützt er den Kopf auf den Arm. Die andere Hand spielt mit dem abgelegten Hut, so als ginge ihn seine betriebsame Umgebung gar nichts an.

Er ist der einzige aus der gesamten Menschenmenge, der aus dem Bild herausschaut, direkt den Betrachter ansieht mit munterer Miene, die leicht erstaunt, ja fast amüsiert wirkt. Er hält stumme Zwiesprache mit dem Betrachter, heischt mit den Augen Einverständnis, wie seltsam absurd, ja komisch doch das Geschehen um ihn herum sei.

Es würde die Kühnheit unserer ungesicherten Spekulationen auf die Spitze treiben, wollten wir hier ein Selbstporträt Ostendorfers vermuten.[114] Doch daß Ostendorfer zumindest mit diesem jungen Mann übereinstimmt, daß der sozusagen seinen, Ostendorfers, Blick in stillverschworener Einmütigkeit erwidert und damit wiederspiegelt - diese Annahme scheint mir so abwegig nicht zu sein.

 

Anmerkungen

Die kursiv formatierten Namen verweisen auf die Stichwörter der Literaturliste. Zahlen nach "W." beziehen sich auf die Werkkatalognummern in Wynen, dort ab S. 264.

[1]  Die Angaben zu seinem Geburtsjahr schwanken zwischen 1490 und 1494 (Wynen, S.7); er starb Mitte Dezember 1559.

[2] Nämlich 1536-1544. Deshalb hat man ihn zum Namenspatron unserer Schule erwählt. Zum Prozeß der Namensfindung für das Gymnasium vgl. JB 1971/72, S. 46; JB 1972/73, Heftmitte, linke Seite; JB 1973­/74, dritte bis achte Seite nach Heftmitte. Zur damaligen befürwortenden Argumentation dazu vgl. Fuchs 1972.

[3] Grundlegend zu Biographie und Werk ist Wynen, der auf älterer Literatur aufbaut, die hier nicht eigens vermerkt wird. Genannt sei aber Schuegraf, dem eine Reihe von Urkundenabschriften zu danken ist, deren Originale sich nicht erhalten haben. Eine ganz kurze Biographie und Werkcharakteristik gibt Altdorfer, S. 312. Kollege StD. Friedrich Fuchs hat mir Einsicht in seine Materialsammlung über Ostendorfer gegeben, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei. Zusammenfassende Darstellungen aus seiner Feder sind Fuchs 1972 und Fuchs 1977; er stützt sich u.a. auf Bauer, Kunstdenkmäler, Stange, Winzinger. Eine Literaturliste gibt auch JB 1973/74, Seite 5 nach der Mitte. Hinweise auch bei Romstöck 1985, S. 21 ff. Vor einiger Zeit hat einer unserer Schüler Ostendorfers Leben in der Schülerzeitung des Ostendorfer-Gymnasiums dargestellt (Bogner, fußend auf Wynen und Fuchs 1982 ).

[4]  Am bekanntesten geworden von seinem insgesamt unbekannt gebliebenen Werk; es ist zugleich seine erste ihm unzweideutig zugehörige Arbeit (Wynen, S. 10, S. 113 und 115). 

[5]  Um 1480-1538, Hauptmeister der "Donauschule", zu der man neben Wolf Huber auch Ostendorfer zählen kann. Wynen nennt Ostendorfer den "einzig namentlich bekannte(n), vermutliche(n) Schüler Altdorfers" in jener Zeit (S. 52).

[6]  W.55. Es existieren 25 Exemplare (Wynen, S.292), nach Stahl noch eines mehr (S. 93, Anm. 275) mit teilweise verschiedenen Beischriften. Das abgebildete Exemplar, das qualitätvollste aller erhaltenen, ist das des Coburger Kupferstichkabinetts mit Dürers eigenhändiger Notiz (siehe später Anm. 46). Häufig reproduziert, z.B. Altdorfer, S. 202; Martin Luther, S. 70; Reformation, S.128; Goldberg, S. 45;  Hubel, Abb. 1 ; In Ausschnitten auch Grundzüge, S. 185; Bogner, S. 16; JB 1973­/74, Titelseite. Beschreibungen auch bei Altdorfer 1988, S. 312, Kat. 202; Martin Luther, S. 70 f., Kat. 78.; Wynen, S.115 ff.; Stahl, S. 92.

[7]  Die ursprüngliche, lateinische Inschrift, wie sie das Coburger Exemplar trägt, ist wiedergegeben in Wynen, S. 292; eine Inhaltsangabe davon gibt Wittelsbach, S. 6. Aus dem Jahr 1610 stammt eine deutsche Beschreibung der Vorgänge (auf 1516 vordatiert!), die unten an das Bildblatt angeklebt wurde, z.B. beim Regensburger und beim Nürnberger Exem­plar (letzteres mit Beischrift abgebildet in Reformation, S.128, Kat.130). Ähnlich auch der Text aus dem letzten Viertel des 17. Jhds. bei Hubel, Abb. 49; beide deutsche Texte gehen auf Sebastian Franck zurück (vgl. Anm. 35).

[8]  Martin Luther, S. 70; Hubel, S. 199.

[9]  Hierzu Wynen, S. 113 f. - Viele Marienkirchen oder -kapellen im deutschen Sprachraum befinden sich auf dem Boden vorher dort bestehender Synagogen. Bekannte Beispiele der näheren Umgebung sind die Frauenkirche in Nürnberg (vgl. Ulshöfer, S. 153 f.; Nürnberg, S. 35) und die Marienkapelle in Würzburg (Flade, S. 178); auch Bamberg, Rothenburg, Weißenburg (Stahl, S. 57 und S. 60). Sh. auch Hubel, S. 201.

[10]  Zur lokalen Geschichte der Judenverfolgung und zu den zuletzt vorausgegangenen Judenfeindseligkeiten vgl. Siehe der Stein, S. 185, Kat. 4/39b und Hubel, S. 199f. Zur Geschichte der Regensburger Judengemeinde insgesamt eine gute Zusammenfassung in Siehe der Stein, S. 161 f., in Herde, S. 74 und S. 78; sowie in Angerstorfer. Weiterhin Staber, S. 99 ff.; Hubel, S. 199 ff.; Büchner-Suchland, S. 9 ff.

[11]  Hierzu Stahl, S. 53, Herde, S. 78 und Siehe der Stein, S. 169, Kat. 4­/11.

[12]  Die seltsam anmutenden, verstreuten Steinchen auf dem Bild sollen wohl den rohen Grund des kaum planierten vorigen Synagogenstandorts bezeichnen.

[13]  Es sollen zwei Wöchnerinnen zu Tode gekommen sein (siehe Angerstorfer, S. 168, Stahl, S. 58); der jüdische Friedhof wurde von ca. 300 der angesehensten Frauen der Stadt geschändet (Stahl, S. 63).

[14]  Altdorfer, S. 13 u. S. 21; Büchner-Suchland, S. 96. Die Motive der Stadt zur Judenvertreibung sind - abgesehen von der hier vorliegenden Gelegenheit - wie in anderen Fällen auch vielschichtig und stets vermengt aus religiösen und sehr profanen, nämlich wirtschaftlichen, Interessen. (Siehe Altdorfer 1988, S.13; Geschichte, passim; Hubel, S. 199 ff.; Stahl, S. 53 ff.; Büchner-Suchland S. 7 ff.)

[15]  Abgebildet auch in Altdorfer, Kat. 116 und 117; Hubel, Abb. 23; Goldberg, S. 43, Abb. 22 u. 23. Die Inschrift auf dem Blatt Abb. 4 erklärt allerdings die Zerstörung als "nach Gottes gerechtem Ratschluß (IVSTO DEI IVSTITIO)" geschehen (ebenda).

[16]  Über die Wallfahrt ausführlich Theobald, Bd. I., S. 33 - 98; Büchner-Suchland, S. 9 ff.; Stahl, S. 59 ff.; Hubel, S. 199 ff.; Wynen, S.114 f. Siehe auch Martin Luther, S. 70; sowie Wittelsbach, Kat. 3, S. 5 f. Über die wirtschaftlichen Aspekte in der Folge siehe auch Staber, S. 100 ff.; Volkert, S. 111 ff.

[17]  Angerstorfer, S. 168. Siehe auch Herde, S. 79 f.; Hubel, S. 201; Büchner-Suchland, S. 12. Die näheren, vor allem auch finanziellen Umstände der Kaiserwahl Karls V. erfordern in jedem besseren Geschichtsbuch ein eigenes Kapitel (siehe knapp dazu auch Wittelsbach, S. 3).  -  Karl verzieh der Stadt Regensburg im Jahre 1521 ihren Rechtsbruch und erlegte ihr zur Sühne auf, den Steueranteil zu erbringen, den bisher die Juden beigetragen hatten (Angerstor­fer, S. 169).

[18]  Vgl. die verschiedenen Darstellungen bei Baxandall, S. 96; Büchner-Suchland, S. 12 f.; Martin Luther, S. 70; Siehe der Stein, S. 186, Kat. 4/41; Hubel, S­.201 f. - Stahl, S. 61 zitiert den zeitgenössischen Unfallbericht im Wortlaut.

[19]  (1484-1528). Auch andere Schreibweisen finden sich, wie Huebmaier, Hubmeir usw.; zuweilen wird er auch nach seinem Herkunftsort Friedberger genannt. Zu Hubmaier insgesamt siehe auch Hubel, S. 201; Stahl, S. 57 ff.; Büchner-Suchland, S. 12 und S. 96; Wynen S. 114 und S. 223, Anm. 165.

[20]  Der verunglückte Jakob Kern soll den Entwurf dazu geliefert haben, und daß gerade er durch das Wunder gerettet wurde, schien ein besonderes Zeichen Marias zu sein, ihre Zustimmung zu dem Unternehmen auszudrücken (Stahl, S. 61; Büchner-Suchland, S. 13).

[21]  Hubmair hatte übrigens die Errichtung einer der "Schönen Maria" gewidmeten Kapelle bereits vor dem Entschluß zur Judenausweisung geplant (Hubel, S. 201). - Die Bezeichnung "Schöne Maria" wurde synonym mit dem Begriff der "Reinen Maria" oft für jene Fälle von Marienverehrung gewählt, an deren Stelle vorher eine jüdische Gemeinde ihr angeblich Schmach und Schande zugefügt hatte - basierend auf der Stelle im Hohen Lied Salomos (4,7) "tota pulchra es amica mea et macula non est in te" (vgl. Anm. 52). - Der kunsthistorische Begriff der "Schönen Madonnen", der besonders auf Marienstatuen der Zeit um 1400 angewendet wird, hat damit nichts zu tun (Stahl, S. 215, Anm. 1096). Siehe auch Hubel, S. 222 f. zum Gewandschema des "Weichen Stils", das an diesen Madonnen anzutreffen ist, sowie Hubel S. 226, wo die Entstehung der Schönen Madonnen aus der Tradition gemalter Tafelbilder behandelt wird. - Auch der ikonographische Typus der "Schönen Maria", der letztlich auf eine Ikone in S. Maria del Popolo in Rom zurückgeht, bestand schon vor 1519 (Stahl, S. 213 ff., auch S. 90). 

[22]  -

[23]  Daß es "ein großes Bild" gewesen sein müsse, wie Büchner-Suchland meint (S. 13), steht dahin, da Ostendorfer die Größe auf seinem Holzschnitt durchaus übertrieben haben kann (vgl. Abb. 2). - Dem Bild liegt zugrunde die alte, im Stil byzantisierende Tafel des 13. Jahrhunderts aus der Alten Kapelle (Hubel, S. 209 ff.). Was unsere Abb. 5 zeigt, ist nur die relativ getreue Kopie auf der Flügeltür eines Kastens, in dem das Original verwahrt zu werden pflegte (siehe die Scharnierspuren rechts in der Abb. 5!). Diese Kopie (= die Tür) zählt "zu den frühesten erhaltenen deutschen Tafelbildern" (Hubel, S. 213), die man 1519 in die Kapelle zur "Schönen Maria" gebracht hat, während das Original in der Alten Kapelle verblieben und später verlorengegangen ist (ebenda, S. 216, S. 220). Dort befindet sich übrigens am Hochaltar seit 1773 eine - weitere - Kopie dieser Madonna, die gerade von einer plastischen St.-Lukas-Figur gemalt wird (Hubel, S. 76). - Keinesfalls hat es sich also bei der in der Abb. 2 erkennbaren Mariendarstellung um Altdorfers Gemälde gehandelt (Abb. 6; farbig abgebildet bei Hubel, Titelseite und Goldberg, S. 47) (Hubel, S. 218; siehe auch Stahl, S. 91), auch wenn das Holzschnittdetail eher ihr ähnelt als dem ikonenhaften Stil der tatsächlichen Altartafel. Altdorfers Bild ist also eine sehr "freie Kopie" (Hubel, S. 211; Wynen, S. 114. - Siehe zum ganzen Problem auch Stahl, S. 205 ff.; die Hinweise bei Büchner-Suchland, S. 97 sind dadurch teilweise ergänzungsbedürftig).

[24]  Büchner-Suchland, S. 13; Hubel, S. 203. Zur Statue siehe auch später Anm. 86

[25]    -

[26]  Siehe auch Martin Luther, S. 72, Abb. 83a und b; Hubel, Abb. 9-11. Die Plaketten sind vermutlich von Altdorfer entworfen worden (Stahl, S. 74 ff. und S. 88). Es bekam nur etwa ein Drittel der Pilger solche Abzeichen, "das volck wainet umb zaichen, es was ein groß gleuff..." (Widmann's Chronik von Regensburg, S. 34, zit. nach Stahl, S. 75).

[27]  "Item da warden täglich souil [=soviel] Meß gehalten / das ein pfaff dem andern vom altar nit entrinnen mocht..." (Sebastian Franck, zit. nach Stahl, S. 67), denn es "kursierte die Redensart, die Geistlichen glaubten selig zu werden, wenn sie auf dem Altar der Schönen Maria die Messe feierten. Sie schienen dafür oft regelrecht Schlange gestanden zu haben." (Stahl, S. 66).

[28]  Altdorfer, S. 312.. Ähnliche Zahlen bei Stahl, S. 66; Siehe der Stein, S. 186, Kat. 4­/42; Martin Luther, S. 72, Kat. 82, 83; Hubel, S. 202 f. Die Zahlen entnimmt man den sog. "Mirakelbüchern", die die erfolgten Wunder an diesem Wallfahrtsort verzeichnen; das erste erschien noch 1519 (Hubel, S. 203; Büchner-Suchland, S. 14). Die Mirakelbücher sind ausführlich dokumentiert bei Stahl, S. 97 ff. und im dortigen Anhang. Unsere Abb. 9, 12, 13 zeigen Titelbilder solcher Schriften.

[29]  Reformation, S. 128; über die Wallfahrer-Gruppen Stahl, S. 111 ff. Zur geographischen "Reichweite" der Wallfahrt auch Stahl, S. 174 ff. Breslau wird als Pilgerherkunftsort u.a. auch belegt durch eine nach dort gelangte Votivtafel des Stefan Perckhamer, die im Umkreis des Veit Stoß als Holzrelief ausgeführt worden war. (Vgl.Siehe der Stein, S.186f.,Kat.4/42).

[30]  Der Ablaßbrief ist abgebildet in Siehe der Stein, S. 186 f., Kat. 4/41 und in Wittelsbach, Kat. 2, S. 4 f. (dort jeweils auch kurze Schilderung der Wallfahrtsereignisse). Nach den dortigen Angaben stammte die Bulle vom Kardinalbischof von Ostia und von 29 weiteren Kardinälen (doch gab es anscheinend auch Zweitausfertigungen).

[31]  Baxandall, S. 96

[32]  Stahl, S.67. Die Gerätschaften, die sich bei der Wallfahrtskirche ansammelten und dort angebracht wurden, sind also nicht unbedingt ursprünglich als Opfergaben gedacht gewesen, sondern nur die zufällig mitgeführten Arbeitsmittel. Daß sie als "wertvollste(r) Besitz der plebejischen Massen" (Kunst, S. 140) mitgebracht worden sein sollen, halte ich für abwegig. - Zu den Opfergaben ausführlich Stahl, S. 72 f. und S.158 ff; vgl. auch Wynen, S. 224, Anm. 169 zur Art der Kerzen. 

[33]  -

[34]  Stahl, S.142 ff.

[35]  Sebastian Franck: Chronica, 1531 fol. 224v - 225r, zit. nach Stahl, S.68.

[36]  Stahl, S.69.

[37]  Reformation, S. 128.

[38]  Staber, S. 100; er paraphrasiert hier teilweise die 1610 formulierte Bildunterschrift des Holzschnittes, die manche Exemplare tragen und die ihrerseits auf die Schilderung Sebastian Francks zurückgeht (vgl. Anm. 7 und Anm. 35). Hier "sehen" wir Ostendorfers Bildbericht vor uns, und die Entstehung des Holzschnittes Abb. 1 wird wegen dieses Datums von manchen auf (nach Mai­/Juni) 1520 datiert. (Stahl, S. 92). - Siehe auch die weiteren Quellenberichte, zit. bei Wynen, S. 233 f., Anm. 167.

[38a]  Kritisch sieht Baxandall Hubmairs und des Stadtrats Rolle: "Die Regensburger Wallfahrt war ein in vieler Hinsicht manipuliertes Unternehmen, in Gang gesetzt durch einen antisemitischen Domprediger - Balthasar Hubmaier, ein absonderlicher Charakter, der fünf Jahre später ein führender Wiedertäufer wurde - und systematisch ausgenutzt durch den Rat der Stadt. Ursprung der Wallfahrt war ein Konflikt zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, zwischen Juden und Christen; das dort verehrte Gnadenbild und die wundertätige Statue wurden zum Sammelpunkt gläubiger Massen, und zugleich schien dadurch die Rechtmäßigkeit der begangenen Untaten bestätigt." (Baxandall, S. 96) Und Hubel urteilt: ­"Der fast alltägliche Unfall wurde wegen seines scheinbar glücklichen Ausgangs sensationell aufgewertet. Man erfaßte rasch die propagandistischen Möglichkeiten und erklärte das Ereignis als Wunder, das Maria am Ort ihrer künftigen Verehrung bewirkt habe. Hinter dieser Interpretation darf man den Agitator Huebmaier vermuten, der die Euphorie der Bürger nach der Judenvertreibung mühelos zum Freudentaumel hochtreiben konnte." (Hubel, S. 202.)

[39]  Allerdings hatten solche Massenveranstaltungen durchaus ihre Traditionen, etwa in den sog. "Heiltumsweisungen", die in Regensburg seit 1487 üblich waren (dort zeigte man als krönenden Abschluß das Gnadenbild der Alten Kapelle!) (Hubel, S. 212). Einen interessanten Vergleich mit Ostendorfers Pilgerfahrt erlaubt die Wiedergabe einer solchen in Nürnberg geschehenen Heiltumsweisung (aus eben diesem Jahr 1487) in Reformation, Farbtafel 1, nach S. 48 (Text dazu S. 44, Kat. 48; dasselbe schwarz-weiß abgebildet in Nürnberg, S. 15, Abb. 11). Zum Brauch der Nürnberger Heiltumsweisungen siehe auch ebenda, S. 179 f., Kat. 47 und S. 305 ff., Kat. 128. Auch dabei wurden für die Besucher Ablässe vergeben. Bezeichnenderweise wurden die Nürnberger Heiltumsweisungen mit der Einführung der Reformation eingestellt.

[40]  1517 Luthers Thesen, 1524/25 Bauernkriege! Zur religiös-gesellschaftlichen Umbruchstimmung siehe jeweils durchgängig Vogler, Zschelletzschky, Reformation, Martin Luther, Kunst, Welt im Umbruch u.a. Zu den Bauernkriegen knapp auch Wittelsbach, S. 9.

[41]  Siehe Martin Luther, S. 70. Vgl. zum Geschick Hubmairs den Eintrag zur Kat.-Nr. H 30 in Renaissance, S. 497 f. (für den Hinweis darauf danke ich dem Kollegen StD. Dr. Herbert Rädle); außerdem Welt im Umbruch, S. 165 f.; Staber, S. 98 und S. 106 ff.; Hubel, S. 201; Stahl, S. 57 ff. -  Hubmaier verfaßte um 1524 " 'Von Ketzern und ihren Verbrennern', die erste Schrift der Neuzeit, die die Forderung nach völliger Toleranz erhebt." (!) (Staber, S. 107).

[42]  Vielleicht hat Hubmair sich erst durch das Versiegen des Pilgerstroms zu seinem Sinneswandel veranlaßt gesehen; genauso gut möglich ist aber, daß ihn die Auswüchse des Wallfahrtstreibens dazu gebracht hatten, sich auf die Seite der Reformer zu schlagen. Er selbst bezeichnete das Treiben als Mißbrauch (Stahl, S.70; s. a. Wynen, S. 114; Hubel, S. 204). (Zum Ende der Wallfahrt siehe auch Anm. 48).

[43]  Altdorfer, S. 14; Originalwortlaut in Martin Luther, S. 72, Kat. 85.

[44]  Zit. nach Kunst, S. 140. Stahl, S. 106 schreibt die Nennung des Teufels als Urheber der Wunder einem "Mönch" zu, der dies zuerst 1523 geäußert habe. - Daß Luther zumindest später durchaus auch gegen die Juden feindselig eingestellt war, zeigt u.a. seine Schrift "Von den Juden und iren Lügen" von 1543 (Siehe der Stein, S. 186, Kat. 4/40; Martin Luther, S. 433 f., Kat. 597).

[45]  Vgl. z.B. Vogler, S. 64 ff. oder Anzelewsky, S. 227 ff. Dort auch der Hinweis auf die Bildunterschriften zu Dürers "Vier Aposteln" (1526), die man als sein Bekenntnis zur Reformation interpretiert hat; die darin enthaltene Warnung vor "falschen Propheten" meint die Altgläubigen, die wegen der wiedertäuferischen und schwärmerischen Umtriebe in Nürnberg wieder die Oberhand zu gewinnen drohten (Anzelewsky, S. 230 ff., auch S. 236 f.; abschließend S. 239).

[46]  Zitiert in heutigem Deutsch nach Altdorfer, S. 14. Der Original-Wortlaut bei Wittelsbach, S. 6 oder bei Wynen, S. 225, Anm. 175, der dort auch die Zweifel an Dürers Autorschaft referiert und verwirft. Siehe auch bei Martin Luther, S. 71; Baxandall, S. 381, Anm. 133; Vogler, S. 74; Stahl, S.93, Anm. 275. Anzelewsky, S. 233 f., deutet diese Notiz als Ablehnung der Bilderverehrung, betont aber, daß Dürer keineswegs an der generellen Verwerfung der Bilder gelegen sein konnte.

[47]  Stahl, S. 75 f.

[48]  Stahl, S. 76. Siehe auch Hubel, S. 204. Beide erwähnen auch den Streit zwischen Bischof und Rat um die Einnahmen der Wallfahrt als Ursache für den Rückgang. Auch ein Teil des altgläubigen Klerus hatte übrigens Vorbehalte entwickelt. So sprach das Regensburger Ordinariat von "solch unmenschlichen Dingen, die vor wenig erhört und gesehen, auch zu beschreiben und hören verdrießlich, dadurch eine solche Erschreckung in das Volk kommen, daß  ... nichts anders denn Irrsal und Unglauben zu besorgen ist." (Stahl, S. 70). Und Bischof Berthold von Chiemsee beklagte 1524, man habe aus der Schönen Maria von Regensburg eine Abgöttin gemacht (ebenda, S. 78).

[49]  Über Beiträge der bildenden Kunst zur Wallfahrt der "Schönen Maria" bei Stahl, S. 85 ff; Hubel durchgängig; Goldberg, S. 41 - 50.                   

[50]  Pfeiffer 1966, S. 387, Anm. 3; Martin Luther, S. 71; Stahl, S. 88; Büchner-Suchland, S. 15; Wynen, S. 115.

[51]  Z.B. Baxandall, Abb. 137, S. 216; oder unsere Abb. 10.

[52]  Farbig abgebildet in Altdorfer, S. 223, Kat. 115 und Goldberg, S. 45. Zur Technik dieses Farbholzschnittes siehe Hubel, S. 208; Stahl, S. 89; Goldberg, S. 42. Zu den eingedruckten Textversen  - dreimal "Ganntz schön bistu mein freundtin und ein mackel ist nit in dir" - siehe auch Stahl, S. 56, 64 u. 89; Hubel, S. 202; Zschelletzschky, S. 176. (Vgl. die lateinische Fassung bei unserer Anm. 21). Auch hier die offenkundige Veranlassung durch die Stadt (siehe das Schlüsselwappen im Medaillon links unten als Pendant zu Altdorfers Monogramm rechts).

[53]  Altdorfer, S. 220, Kat. 114. Seine Darstellungen der Gnadenmaria entsprechen natürlich nicht dem Stil der tatsächlich verehrten Tafel, sondern sind dem Zeitgeschmack angenähert (Hubel S. 218).

[54]  Die Figur sehr wohl! Siehe Hubel, S. 229.

[55]  Vgl. Anm. 23.

[55a]  Vgl. Anm. 28.

[56]  Siehe zu den drei Abbildungen auch Wynen, S. 121 ff. und seine Katalognummern W.117, W.118 und W.120. Abb. 13 zeigt wiederum deutlich die Regensburger Schlüssel. Abb. 9 zeigt eine andere Ansicht der Holzkapelle; die Ansprüche an die Detailtreue sind für diesen Zweck - Titelillustration eines Mirakelbuches - offenbar weit geringer gewesen als bei Abb. 1.   - Laut Stahl, S. 95 soll Ostendorfer im Auftrag des Rates 1521 auch ein großes Gemälde von der Holzkirche geschaffen haben.

[57]  W. 57; abgebildet bei Hubel, Abb. 19. Sh. a. Wynen, S. 123 f.

[58]  In der Abb. 1 ist erkennbar, daß der Holzstock ursprünglich (wenigstens) zweigeteilt war: Der Turmhelm ist an der Basis des Giebelchens abgeteilt, beim Zusammendruck [beim Coburger Exemplar] sogar leicht nach rechts verrutscht. Hat man den Turmhelm ursprünglich reicher gestalten wollen, aber nach dem Entschluß zum Steinbau in einfachster Form vollendet? Möglicherweise mußte Ostendorfer hier einen  schon konzipierten (aufwendigeren) Turmabschluß abändern und hat deshalb den Stock hier geteilt. Vgl. Wynen, S. 353, W.155, wo die mehrfache Teilung des Stockes skizziert ist.

[59]  W.56; Martin Luther, S. 71, Kat. 79; Wynen, S. 118 ff.; Stahl, S. 94 f. Abgebildet ebd., sowie in Büchner-Suchland, Frontispiz (Ausschnitt); Pfeiffer 1966, S. 380, Abb. 3 und Details Abb. 4a+b, 6, 7a+b; Hubel, Abb. 17. Es existieren davon 10 Exemplare (Wynen, S. 295; nach Stahl, S. 93 eines mehr) mit unterschiedlichen Beitexten (die Texte - links deutsch, rechts lateinisch - im Wortlaut bei Wynen, S. 294). Hieber besaß bis zu seinem Tod im Jahr 1522 den zugehörigen Holzstock (Büchner-Suchland, S. 18); der sich - ebenso wie der zur Abb. 1 gehörige - heute im Bayerischen Nationalmuseum München befindet (Wynen, S. 292 u. 294; Büchner-Suchland, S. 99; Altdorfer, S. 312, Kat. 202. Der letztere war bis ins 17. Jhd. weiterbenutzt, d.h. immer wieder abgedruckt worden (Wynen, S. 116; Stahl, S. 92).

[60]  Büchner-Suchland, S. 15.

[61]  Büchner-Suchland, S. 19.

[62]  Pfeiffer 1964, S. 236; s.a. Büchner-Suchland, S. 19. Das Modell ist auch abgebildet in Pfeiffer 1964, Abb. 1 und (Inneres) Abb. 2 (nach S. 240); sowie Welt im Umbruch, Bd. I.,  Farbtafel III (nach S. 120); Wölfflin, S. 252, Abb. 17; Büchner-Suchland, Abb. 1, 6, 7 und (Inneres) 12 -17 (nach S. 132); Pfeiffer 1966, S. 378, Abb. 1 und (Detail) 2; Hubel, Abb. 18. - Daß man nicht den Dombaumeister mit dem Entwurf beauftragte, sondern Auswärtige (u.a. auch Hans Behaim d.Ä. aus Nürnberg) heranzog, begründet Büchner-Suchland (S. 14) mit der Entfremdung zwischen Stadt und Weltgeistlichkeit.

[63]  Zu besichtigen im Stadtmuseum Regensburg. Risse abgebildet bei Büchner-Suchland, Fig. 1, 2 und 3.

[64]  Hubel, S. 203 f. Die stilistischen Qualitäten des geplanten Bauwerks beschreiben auch Wölfflin, S. 96 f.; Wynen S. 120, und ausführlich Büchner-Suchland, S. 20 ff. und S. 34 ff.

[65]  Büchner-Suchland, S. 20.

[66]  Büchner-Suchland, S. 41 f.

[67]  Welt im Umbruch, Bd.I, S. 127, Kat. 17; Büchner-Suchland, S. 18 u. S. 22; Wynen, S. 119 f. Abbildungen bei Pfeiffer 1964, Abb. 5 - 8, vor S. 241; vollständig abgebildet in Pfeiffer 1966, S. 382 ff., Abb. 13 - 41.

[68]  Pfeiffer 1966, S. 384.

[69]  Wynen, S. 226, Anm. 177. Baubeginn war also noch vor Errichtung des Modells, daher die Vermutung im Text vor Anm. 62.

[70]  Hubel, S. 204; siehe auch Büchner-Suchland, S. 29 f. und Welt im Umbruch, Bd. I, S. 127, Kat. 17.
- Den Bauzustand nach 100 Jahren zeigt Hubels Abb. 27. Noch in der heutigen Neupfarrkirche sind Grundstrukturen des Chores aus der damaligen Konzeption spürbar, während das Hexagon niemals zur Ausführung gelangte. (Zur weiteren Baugeschichte und zum heute bestehenden Bau vgl. Büchner-Suchland, S. 25 ff.).
- Zur Entwicklung der Marienverehrung in Regensburg nach der Reformation siehe ebenda, S. 29 ff. und weiterhin Hubel, S. 204 ff., der über das Wiederaufleben der Wallfahrt zur Alten Kapelle, zur Loretokapelle bei St. Mang (1673) und zur Kapelle der "Schönen Maria" bei St. Kassian (1749) berich­tet. (Sh. auch Stahl, S. 178 ff.). Hubel belegt in einer Fülle von Abbildungen das Weiterleben der Ikonographie der "Schönen Maria" in den Druckgraphiken dieser und der folgenden Zeit, die den ersten Darstellungen Altdorfers und Ostendorfers nachempfunden sind (Hubel, Abb. 24 ff.). In den barocken Deckengemälden von St. Kassian feiert man die "Schöne Maria" als "Befreierin von den Juden". Auch manche Beitexte zu den genannten Drucken des 17. u. 18. Jahrhunderts sind unvermindert (bzw. neuerlich) judenfeindlich (sh. Hubel, Abb. 24, 25, 59). Das Wiederaufleben der Marienwallfahrt erfolgte im Zuge der Rekatholisierung ("in gegenreformatorischer Kampfstimmung",
Hubel S. 205); endgültig endete sie erst mit der Säkularisation um 1800.

[71]  Zur reformatorischen Druckschriftenproduktion siehe z.B. Kunst, Martin Luther, Reformation, Zschelletzschky; jeweils durchgängig. Der Beitrag der Druckkunst zum Erfolg der Reformation ist jedenfalls kaum zu überschätzen.

[72]  Die im Gefolge der Reformation in den weiteren Jahrzehnten extrem zurückgehende Auftragslage zwang die Künstler ebenfalls dazu, sich neue "Märkte" zu suchen; die Druckgraphik war dabei ein geeignetes Mittel der Produktion ohne Auftrag und auf Vorrat.

[73]  In Altdorfer, S. 222, Kat. 115 wird die Abnutzung der Druckstöcke durch Riesenauflagen deutlich gemacht. Zur Abnutzung auch Stahl, S. 89.

[74]  Siehe die Abbildungen in Altdorfer, Kat. 109 - 113; Hubel, Abb. 6 - 8. Hubel meint, daß Altdorfer für reichere Wallfahrer auch Gemälde mit der Darstellung der "Schönen Maria" hergestellt habe, und daß seine erhaltene Altartafel (Abb. 6) ein Beispiel für diese relativ rasch erstellten Produkte sei (Hubel, S. 219).

[75]  Vgl. die Beurteilung in Altdorfer, S. 224, Kat. 117.

[76]  Vgl. Abb. 7 und 8; außerdem die in Anm. 74 eingangs genannten Abbildungen. Stahl betont, Altdorfer habe nicht um der Verdienstmöglichkeit willen für die Wallfahrt gearbeitet, sondern weil ihn "die Geschehnisse bewegten, erfüllten, begeisterten" (Stahl, S. 88). Hubel, S. 219, meint, Altdorfer habe nicht schlecht verdient dabei.

[77]  Vgl. Anm. 46.

[78]  Stahl (S. 93) behauptet, Ostendorfer habe die Stöcke auf eigene Kosten hergestellt.

[79]  -

[80]  Auch die von links vor das Portal ziehende Gruppe entspringt zu unvermittelt dem Kerzenträgerzug bzw. hat, sollte sie von hinten kommend gedacht sein, zu wenig Platz zwischen diesem und der Seitenwand des Gebäudes. - Wynen, (S.117), gibt eine positivere Beurteilung der Raumdarstellung auf diesem Blatt.

[81]  Zwar waren die Holzschnitte des 15. Jahrhunderts durchwegs für eine Kolorierung vorgesehen, doch gerade die Meister der Vor-Dürer- und Dürer-Generation haben diese ja zugunsten einer immer feiner werdenden Binnenzeichnung aufgegeben. Man übersehe aber nicht, daß auch in Dürers reichhaltigen (und auch an Massenszenen reichen) frühen Holzschnittfolgen (z. B. in der "Apokalypse" von 1498) ein vergleichbares Verflochtensein der Bildteile (im Sinne einer Verunklärung der Gegenstandsgrenzen bzw. der Raumebenen) besteht, und das bei weit über Ostendorfers Fähigkeiten hinausreichender Beherrschung von Figur, Proportion, Körper- und Raumdarstellung.

[82]  Wynen spricht von "mißglückter Perspektive" (S. 120).

[83]  Es ist wohl eine unfreiwillige Prophetie, daß der prachtvolle Neubau in dieser Zukunftsvision auf ein stark abgeflautes Publikumsinteresse zu stoßen scheint.

[84]  Liegt es nur an dem vorgedruckten Bildtext, daß Dürer seine Beischrift (vgl. Anm. 46) nicht in den leeren Himmel setzte?

[85]  Verglichen mit den überlieferten Texten erscheint die Bewegtheit in Ostendorfers Darstellung noch untertrieben. - Daß diese Einschätzung von Ostendorfers künstlerischen Fähigkeiten - die ja nichts Ehrenrühriges hat - auch für andere Werke gilt, zeigen einige Beispiele von Wynens Urteilen zu ganz verschiedenen Werken. So hält er ihm hinsichtlich seiner Figurengestaltung "(n­)icht organisch kraftvolle entwickelte Stellungen, wenig Rhythmus im Stehen" (S. 195) vor; seine Aktfiguren gäben ein "klägliches Beispiel von Ostendorfers anatomischen [lies: -em] Gestaltungsvermögen" (S. 195). Seine "Bildnisschöpfungen" seien "alle etwas steif und förmlich, provinziell" geblieben (S. 106), die Gesichter "ohne tieferen seelischen Ausdruck... Ohren und Hände konnte Ostendorfer nicht malen" (S. 195). Zusammenfassend meint Wynen, Ostendorfer sei "keiner der ganz großen Meister" gewesen, er habe "keine Werke geschaffen, die man um ihre[r] künstlerischen Eigenschaften willen gerne ansieht" (S. 5). Ihm sei "der Inhalt des Bildes und seine Aussage wichtiger als seine Erscheinungsform" (S. 49), und meistens zeige er "wenig Gefühl für Schönheit der Formen und Eleganz der Ausführung" (S.193).

[85a]  "... Wunder ereigneten sich in Verbindung mit beiden Bildwerken." (Baxandall, S. 96).

[86]  Die Figur Heydenreichs vor der Kirche war nach Hubel trotz der "Szenen" davor nicht das eigentliche Ziel der Wallfahrer, sondern dieses war das alte Gnadenbild (Hubel, S. 203). Hängt möglicherweise das Abflauen der Wallfahrt mit der Entfernung des alten Tafelbildes zusammen? - Stahl dagegen hält dafür - wie auch Büchner-Suchland, S. 14 - , daß die Verehrung alsbald von der Tafel auf das Standbild übertragen worden sei, ­"ihm galt das Fallen und Tanzen" (Stahl, S. 87), und in ihrem nachfolgend zitierten Satz meint "Bild" eben diese Statue: "Das Volk soll das Bild angebetet haben in dem Glauben, es sei Maria leibhaftig; Bauern pflegten Hüte, Hauben, Tücher an das Bild zu 'streichen' und zuhause dem kranken Vieh umzuhängen." (ebenda, S. 87; vgl. den Pilger auf Ostendorfers Holzschnitt Abb. 1, der seinen Hut an die Statue "streicht"!). Siehe auch Stahl, S. 178 ff., wonach auch in späteren Jahrhunderten die Wallfahrt immer mit der Säule in Verbindung gebracht wurde. - Ausgehend von der Tatsache, daß eine Vielzahl der Mariendrucke nicht die Halbfigur des Gnadenbildes, sondern eine Ganzfigur wiedergibt, vermutet Hubel (S­.217), das Gnadenbild sei nach etwa einem Jahr durch eine Skulptur der Ganzfigur Mariens, etwa von (oder nach) Leinberger, ersetzt worden. Hubel belegt, daß der Rat der Stadt Regensburg offenbar gegen Ende des Jahres 1519 bei dem Landshuter "Bildhauer Hans" [Leinberger] eine Skulptur der Muttergottes bestellt hat, die eine plastische Kopie des Altarbildes gewesen sein dürfte; diese alsdann als Gnadenbild genutzte Figur habe Altdorfer dann in seinem Holzschnitt (Abb. 8) abgebildet. (Hubel, S. 228 f. und seine Abbildungen 20 u. 21.; zu anderen Vollfiguren der "Schönen Maria" siehe ebenda, S. 206 f.). Die Tendenz zur vollplastischen Figur habe mit dem - einem Gnadenbild ja nicht möglichen - Reliquienschreincharakter zu tun, der Verwendungsmöglichkeit der Skulptur als Reliquiar. Durch den Umweg über die Skulptur sei dem Gnadenbild der Eintritt in die großen Altäre (sprich Hochaltäre) verschafft worden, habe aus dem privaten Andachtsbild ein offizielles Gnadenbild werden können (Hubel, S. 226).

[87]  In seiner Einleitung bezeichnet Wynen Ostendorfer pauschal als "einen der ersten protestantischen Künstler" (S. 5). Auf S. 21 hält er ihn zu Zeiten der Wallfahrt für katholisch, später für evangelisch. Der Religionswechsel könnte 1538 zugleich mit dem Friedrichs II. erfolgt sein (Wynen, S. 208, Anm. 33; auch ebenda, S. 16). In Martin Luther, S.474, wird Ostendorfer als "Parteigänger der Reformation" bezeich­net.

[88]  1536 ist Ostendorfer erstmals urkundlich in Neumarkt erwähnt (Wynen, S. 12); er kann gut auch schon ein, zwei Jahre vorher dorthin gelangt sein.

[89]  Über den Aufenthalt Butzers, der ihm keine Freude war, hat unsere Kollegiatin Alexandra Seitz 1989 eine Facharbeit geschrieben; vgl. den Bericht darüber in Neumarkter Nachrichten, Nr. 119, vom 27./28. Mai 1989, S. NM/15. Eine gekürzte Fassung der Arbeit jetzt auch in Historischer Verein, S. 28 - 32. Außerdem zu Butzer Volkert, S. 117 f.

[90]  Er untersagte die Wirtshaus-Debatten darüber, ließ den Druck lutherischer Bücher verbieten und sie, als das nichts half, 1525 verbrennen (Wynen, S.11).

[90a]  Zum Beleg dieser Vorgänge siehe Staber, S. 104 ff; Romstöck 1985, S. 20 ff.; Theobald, S. 33 ff.; Volkert, S. 107 ff., besonders S. 113 und S. 116 ff.; sowie die Hinweise bei den anderen Berichten zur Judenvertreibung und zur Wallfahrt. Zur Person Friedrichs auch Romstöck 1980, S. 133 ff.; auch Wittelsbach, S. 20. Zur Reformationsgeschichte Neumarkts siehe schließlich Ried, S. 15 ff. und S. 196 ff. - Allgemein zur Kirchengeschichte der Zeit siehe Welt im Umbruch, Bd. I, S. 30 ff., und durchgängig Wittelsbach. 

[91]  Wynen, S. 22. Siehe die in Ostendorfers Korrespondenz seiner Unterschrift jeweils stolz beigefügte Wappenzeichnung (Wynen, S. 402 f., 407, 410 f., 414). 

[92]  -

[93]  Der Basilisk ist "ein Mischwesen zwischen Vogel und Schlange ... mit einem Hahnenkopf mit einer Krone darauf, ...mit Hahnenfüßen ... und einem Schlangenschwanz" (Schöpf, S. 13). Er "findet sich ... in symbolischer Beziehung zum Teufel, Tod und Verderben." (Schöpf, S. 23). Nach einer zeitgenössischen Quelle versteht "Lutherus ... durch die Basilisken die Ketzer und falsche Lehrer..." (H.H.Frey, Therobiblia, 1595, zit. nach Schöpf, S. 23), also die Altgläubigen, während umgekehrt aber auch "andere Kirchenlehrer" von diesem Frey benannt werden, welche die "falschen Prediger" mit einem Basilisken vergleichen, also die Vertreter der reformatorischen Lehre damit meinen (ebenda). Siehe auch Wynen, S. 208, Anm. 36.

[94]  Das Wappen Abb. 17 ist nicht - wie man fälschlich vermuten könnte - dieses persönliche Wappen Ostendorfers, sondern das sogenannte "kleine" kaiserliche Wappen (der Doppeladler der Habsburgerherrschaft wäre wohl als Basilisk recht unzulänglich identifiziert). Die Einzelheiten des Wappens sind erklärt in Welt im Umbruch, Bd. 2, S. 539 f., Kat. 957, wo auf eine farbige Gestaltung eines Rundschildes anläßlich des Begräbnisses Karls V. bezuggenommen wird (dortige Farbtafel XXIV). Siehe auch diesselben Wappen auf Dürers Gemäldeporträts von Kaiser Maximilian I. (abgebildet in Nürnberg, S. 323, Kat. 140 und S.324, Abb. 132). - Unser eigentliches Schulemblem ist wiederum nicht mit diesem Kaiserwappen identisch, sondern ist eine erstmals für den Titel des Jahresberichts des Ostendorfer-Gymnasiums 1979/80 entworfene Überarbeitung (H. Baumer u. a., und D. Hörecke), die das Wappen auf flächiges Schwarz-Weiß reduziert und eine Malerpalette mit Pinseln einbezieht. Leider wird bei uns oft fälschlicherweise das Kaiserwappen als Schulemblem benutzt, etwa bei Aufklebern, Fähnchen und T-Shirts.

[95]  Da Ostendorfer in Regensburg 1549 wieder das Bürgerrecht erwarb, muß er zu diesem Zeitpunkt wenigstens formal als Protestant gegolten haben, denn nur solche durften jetzt in der Regel Bürger von Regensburg werden (Wynen, S. 16. Nach Volkert, S. 120 war diese Bedingung allerdings nicht gegeben).

[96]  Wynen, S. 18 u. W.149, W.150. Zu Gallus siehe Wynen, S.243, Anm. 314, und Volkert, S. 119 f.

[97]  Wynen, S. 153 ff.

[98]  Regensburg war inzwischen als "literarisches Bollwerk des strengen Lutherthums" anzusehen (Schottenloher, Karl: Das Regensburger Buchgewerbe im 15. und 16. Jhd., Mainz 1920, zit. nach Wynen, S. 30).

[99]  Siehe auch W.67 und Wynen S. 144. (In Kunst, S. 299, Kat. C 59.1, ist ein handkoloriertes Exemplar des Druckes in Schwarz-Weiß abgebildet). Zu Hans Sachsens reformatorisch orientierten Schriften siehe Vogler, S. 74 ff. und S. 151 ff.; Reformation, Kat. 103 ("Wittenbergisch Nachtigall") und öfter, sowie bei Zschelletzschky und Martin Luther, jeweils durchgehend (siehe die dortigen Register).

[100]  Wynen, S. 115; s. a. ebenda S. 207, Anm. 28. Zu Hiltner auch Volkert, S. 113 und S. 119 f.

[101]  W.121 und W.75. Zur Familie Apian siehe auch den Aufsatz Alfred Wolfsteiners in Historischer Verein, S.33 - 43, und Wynen, S. 230, Anm. 203. Zu Aventin vgl. Wynen, S. 233, Anm. 240.

[102]  Wynen, Kat. 7 - 11 (S. 269 f.; auch S. 41 f.).

[103]  Kunst, S. 303, Kat. E 16.

[104]  Siehe auch Martin Luther, Kat. 648.

[105]  Der Torso der Wallfahrtskirche war noch 1540 vom Regensburger Weihbischof konsekriert worden, diente aber schon 1542 als Pfarrkirche der Evangelischen Gemeinde. Am 15. Oktober dieses Jahres fand die erste protestantische Abendmahlsfeier statt; der Bau hieß fortan Neupfarrkirche (Hubel, S. 204; Büchner-Suchland, S. 102, Anm. 82; Volkert, S. 119). Während des Interims ruhten die Gottesdienste, nach Wiedereröffnung entstand alsbald der Bedarf nach einem Altar. - Die Heydenreichsche Marienstatue wurde übrigens ebenfalls nach Einführung der Reformation entfernt: im Juni oder Juli 1543 zerschlug man sie (Hubel, S. 230; Wynen, S. 255, Anm. 171; Baxandall, S. 381, Anm. 133). Das gleiche dürfte der Leinbergerschen Altarfigur widerfahren sein (ebenda; vgl. unsere Anm. 86).

[106]  Wynen glaubt, daß Ostendorfer den Neupfarraltar "als Bekenntnis und Lehrstück ... meint, als Bekenntnis zum Evangelium im Sinne der Reforma­tion." (S. 79).

[107]  Siehe dazu Wynen, Seiten 18 und 64 ff. und W.18; Martin Luther, S. 400 f., Kat. 539 (dort auch eine Abbildung der Vorderseite mit den Flügeln und der Rückseite der Mitteltafel). Eine genaue Beschreibung auch in Wittelsbach, Kat. 10, S. 10 ff., mit Abbildung der Mitteltafel.

[108]  "Offensichtlich ist die starke Hervorhebung der Gemeinde und die Vernachlässigung der hierarchischen Gliederung" (Wynen, S. 80); "Im bayerischen Raum war Ostendorfer der einzige, der sich mit protestantischen Lehrbildern beschäftigte." (ebenda, S. 193). Die "Cranach-Programme" waren Ostendorfer nicht aus direkter Anschauung Cranachscher Altäre bekannt, sondern wohl durch Druckschriften vermittelt (Wynen, S. 75 f.), z. B. durch Nicolaus Gallus' "Summa I" und seinen "Katechismus" (Wynen, S. 78; s.a. ebenda S. 175 ff. und S. 214, Anm. 99). (Zur protestantischen Bildthematik Cranachscher und anderer Prägung siehe auch den betreffenden Abschnitt in Kunst, S. 369 ff. - Zu den Varianten der Abendmahlslehre siehe z.B. auch Volkert, S. 110).

[109]  Wynen, S. 18, S. 23. Er litt in den letzten Lebensjahren an der Gicht, was seine Arbeitskraft erheblich beeinträchtigte.

[110]  Beachtenswert ist der Altar laut Wynen (S. 202) "nicht als letztes malerisches Dokument eines Künstlers, der in seiner Schaffens­kraft erschöpft gewesen zu sein scheint, sondern weil hier  ... in Bayern etwas Neues, protestantisch-theologische Überlegungen, zu Bilde gebracht wurden."

[111]  Wynen (S. 64 und S. 407 ff.) belegt die Vielzahl von Urkunden, die es darüber gibt.

[112]  Wynen, S. 18 ff.

[113]  Wynen, S. 20.

[114]  Dazu ist die Figur wohl zu jung und durch den Hut auch zu sehr als "Tourist" ausgewiesen. Nach Wynen, S. 20 u. S. 83 existiert kein verbürgtes Selbstporträt Ostendorfers; auf S. 108 versucht er eine Zeichnung (W. 50) als solches zu deuten, deren Autorschaft selbst aber schon fraglich bleibt. Auf S. 208, Anm. 30 verwirft er diese Hypothese und ebenso eine andere, ähnliche für eine der Gestalten des Neupfarraltars.

    

Mein Dank gilt allen, die das spröde Manuskript kritisch gelesen haben, sowie den Inhabern der Abbildungsrechte für die Zurverfügungstellung der Fotos. Insbesondere danke ich Herrn Dr. Germann-Bauer vom Stadtmuseum Regensburg für seine Bemühungen.

 

 

Literatur

Die mit * markierte Literatur ist nicht berücksichtigt.  

Altdorfer

Albrecht Altdorfer - Zeichnungen, Deckfarbenmalerei, Druckgraphik. Katalog zur Ausstellung zum 450. Todestag von Albrecht Altdorfer. Von H. Mielke. Berlin 1988.

Angerstorfer

Andreas Angerstorfer: "Von der Judensiedlung zum Getto in der mittelalterlichen Reichsstadt Regensburg." In: Geschichte, S. 161-172.

Anzelewsky

Fedja Anzelewsky: Dürer. Werk und Wirkung. Erlangen 1988.

Bauer             

Karl Bauer: Regensburg. Regensburg 1962. S. 201-206.

Baxandall

Michael Baxandall: Die Kunst der Bildschnitzer - Tilman Riemenschneider, Veit Stoß und ihre Zeitgenossen. München ²1985.

Bogner

Daniel Bogner: "Michael Ostendorfer - Höhen und Tiefen eines Künstlerlebens im Mittelalter." In: Ostendorfer-Kurier alias Moskito, die Schülerzeitung des Ostendorfer Gymnasiums. Nr. 11/Februar 1989, S. 14 ff.

Büchner-Suchland

Irmgard Büchner-Suchland: Hans Hieber. Ein Augsburger Baumeister der Renaissance. München 1962

Eichler*

Anja Eichler: Michael Ostendorfer und die Wallfahrt zur Schönen Maria in Regensburg. Der Wallfahrtsholzschnitt und andere Arbeiten. Magisterarbeit Universität Münster 1988.

Flade

Roland Flade: " 'Jene, einem rebenreichen Weinstock verglichene Gemeinde.' Zur Situation der Juden im mittelalterlichen Würzburg." In: Geschichte, S. 173-180.

Fuchs 1972

Friedrich Fuchs: "Michael Ostendorfer. Von Kennern geschätzt, in Neumarkt vergessen - Wird das Gymnasium nach ihm benannt?" In: Neumarkter Tagblatt (Mittelbay. Zeitung) Nr. 238 vom 11.10.1972.

Fuchs 1977

Friedrich Fuchs: "Michael Ostendorfer". In: Festschrift zur Einweihung und Hundertjahrfeier der beiden Neumarkter Gymnasien. Neumarkt o.J. (Okt. 1977), S. 27-30.

Fuchs 1982

Friedrich Fuchs: "Michael Ostendorfer". In: Festschrift zum 24. Bayer. Nordgautag vom 1.-6. Juni 1982 in Neumarkt i. d. OPf. (Oberpfälzer Jura - Land, Leute, Kultur). Red. Edda Preißl. Neumarkt o.J. (1982), S. 62-65.

Geschichte

Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Aufsätze. Herausgegeben von Manfred Treml und Josef Kirmeier unter Mitarbeit von Evamaria Brockhoff. (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur Nr. 17­/88). München: Haus der Bayerischen Geschichte, 1988.

Goldberg

Gisela Goldberg: Albrecht Altdorfer. Meister von Landschaft, Raum, Licht. München - Zürich 1988.

Grundzüge

Grundzüge der Geschichte. Sekundarstufe I (Gymnasien) Bd.2. Herausgeg. von Eugen Kaiser. Frankfurt/Main - Berlin - München (Diesterweg) 1975 (11.A.), S. 185.

Herde

Peter Herde: "Die Kirche und die Juden im Mittelalter". In: Geschichte, S. 71-84.

Historischer Verein 

19. Jahresbericht des Historischen Vereins für Neumarkt i.d.OPf. und Umgebung e.V. Neumarkt 1990.

Hubel

Achim Hubel: " 'Die Schöne Maria' von Regensburg. Wallfahrten - Gnadenbilder - Ikonografie." In: 850 Jahre Kollegiatsstift zu den Heiligen Johannes Baptist und Johannes Evangelist in Regensburg 1127-1977. Festschrift hrsg. im Auftrag des Stiftskapitels von Paul Mai. München - Zürich 1977., S. 199 ff. (Abbildungen nach S. 239).

JB

Jahresbericht des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i.d. OPf. [mit Angabe des jeweiligen Schuljahrs].

Kunst

Kunst der Reformationszeit. Martin-Luther-Ehrung 1983 der Deutschen Demokratischen Republik. Ausst.Kat. Staatliche Museen zu Berlin, Hauptstadt der DDR. Ausstellung im Alten Museum vom 26. August  bis 13. November 1983. Berlin (West) 1983.

Kunstdenkmäler

Kunstdenkmäler Bayerns. Band "Neumarkt", S.57; Band "Regensburg 2", S. 194-197.

Martin Luther

Martin Luther und die Reformation in Deutschland. Ausstellung zum 500. Geburtstag Martin Luthers, veranstaltet vom Germanischen Nationalmuseum Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem Verein für Reformationsgeschichte. Frankfurt am Main 1983.

Nürnberg

Nürnberg 1300-1550 - Kunst der Gotik und Renaissance. Katalog der Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg vom 25.7. - 28. 9. 1986. München 1986.

Pfeiffer 1964

Wolfgang Pfeiffer: "Notizen zu Irmgard Büchner-Suchland, Hans Hieber [entspr. Büchner-Suchland]." In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, Bd. 104, Regensburg 1964, S. 235 ff.

Pfeiffer 1966

Wolfgang Pfeiffer: "Die Zeichnungen Michael Ostendorfers am Kirchenmodell der Schönen Maria zu Regensburg". In: Pantheon, 24. Jg., München 1966, S.378 ff.

Reformation

Reformation in Nürnberg - Umbruch und Bewahrung. Katalog zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zum 18. Deutschen Evangelischen Kirchen­tag, 12.6. - 2.9.1979. Nürnberg 1979.

Renaissance

Die Renaissance im deutschen Südwesten zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Ausstellungskatalog Badisches Landesmuseum Karlsruhe/Heidelberger Schloß, 21.6. - 19.10.1986, Bd. 1.

Ried

Karl Ried: Neumarkt in der Oberpfalz. Eine quellenmäßige Geschichte der Stadt Neumarkt. Neumarkt 1960.

Romstöck 1980

Kurt Romstöck (Hrsg.): Die Neumarkter Residenz und ihre Regenten. Regensburg 1980.

Romstöck 1985

Kurt Romstöck (Hrsg.): Neumarkt in der Oberpfalz von 1500 bis 1945 im Spiegel bayerischer, deutscher und europäi­   scher Geschichte. Regensburg 1985.

Schöpf

Hans Schöpf: Fabeltiere. Graz 1988.

Schuegraf 

Jos. Rud. Schuegraf: "Lebensgeschichtliche Nachrichten über den Maler und Bürger Michael Ostendorfer in Regensburg." In: Verhandlungen des Historischen Vereins Nr. XIV 1850, 1/76. [Nürnberg, German. Nat. Mus. 8o K2 OST 13/1].

Siehe der Stein

Siehe, der Stein schreit aus der Mauer - Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Eine Ausstellung veranstaltet vom Germanischen Nationalmuseum und dem Haus der Bayerischen Geschichte. Hrsg. von Bernward Deneke. Nürnberg 1988.

Staber

Josef Staber: Kirchengeschichte des Bistums Regensburg. Regensburg 1966.

Stahl

Gerlinde Stahl: "Die Wallfahrt zur Schönen Maria in Regensburg. In: Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg (hrsg. von Georg Schwaiger und Josef Staber), Bd. 2, Regensburg 1968, S. 35 - 282.

Stange

Alfred Stange: Malerei der Donauschule. 1964 (S. 145).

Theobald

Leonhard Theobald: Die Reformationsgeschichte der Reichsstadt Regensburg. 2 Bände. München 1936/1951.

Ulshöfer

Kuno Ulshöfer: "Zur Situation der mittelalterlichen Juden in Nürnberg." In: Geschichte, S. 147 - 160.

Vogler

Günter Vogler: Nürnberg 1524/25. Studien zur Geschichte der reformatorischen und sozialen Bewegung in der Reichsstadt. Berlin (DDR) 1982.

Volkert

Wilhelm Volkert: "Luthers Reformation in den Reichsstädten Nürnberg und Regensburg." In: Martin Luther. Eine Spiritualität und ihre Folgen. Vortragsreihe der Universität Regensburg zum Lutherjahr 1983, hgg. von Hans Bungert (Schriftenreihe der Univers. Regensburg, Bd. 9), S.107 ff.

Welt im Umbruch

Welt im Umbruch - Augsburg zwischen Renaissance und Barock. 2 Bände (Bd. I: Zeughaus; Bd. II: Rathaus). Katalog zur Ausstellung der Stadt Augsburg in Zusammenarbeit mit der Evang.-Lutherischen Landeskirche in Bayern anläßlich des 450. Jubiläums der Confessio Augustana. Augsburg 1980.

Winkler*

Gerhard B. Winkler: "Die Regensburger Wallfahrt zur Schönen Maria (1519) als reformatorisches Problem." In: Albrecht Altdorfer und seine Zeit. Hg. von Dieter Henrich (Schriftenreihe der Universität Regensburg, Bd. 5). Regensburg 1981, S. 103 - 122.

Winzinger

Franz Winzinger: Albrecht Altdorfer - Graphik. München 1964.

Wittelsbach       

Wittelsbach und Bayern. Bd. II/2: Um Glaube und Reich - Kurfürst Maximilian I. Katalog der Ausstellung in der Residenz in München 12. Juni - 5. Oktober 1980. München 1980.

Wölfflin

Heinrich Wölfflin: Italien und das deutsche Formgefühl. München ²1964.

Wynen

Arnulf Wynen: Michael Ostendor­fer (um 1492-1559). Ein Regensburger Maler der Reformationszeit. (Phil.Diss.). Freiburg 1961.

Zschelletzschky

Herbert Zschelletzschky: Die "drei gottlosen Maler" von Nürnberg - Sebald Beham, Barthel Beham und Georg Pencz. Historische Grundlagen und ikonologische Probleme ihrer Graphik zur Reformations- und Bauernkriegszeit. Leipzig 1975.  

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©  1990-2003  Gert Frühinsfeld, Neumarkt        [ gertfr@web.de ]        Letzte Bearbeitung 27.12.2003