Ostendorfers Monogramme
( OSTENDORFERIANA II) [1]
Der Begriff Monogramm stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Ein-Zeichen". Damit ist gemeint, daß die Anfangsbuchstaben ("Initialen" von lat. initium = Anfang) des Vor- und Zunamens einer bestimmten Person so ineinander verschlungen werden, daß sie wie ein einziges Zeichen (statt wie zwei getrennte) wirken. Von Michael Ostendorfers Monogrammen haben sich im Laufe der Zeit mehrere Typen herausgebildet, die im folgenden dargestellt werden sollen. [2]
Typ I - Zwei unverbundene Buchstaben M und O (Abb. 3 - 5):
Diese Form der namentlichen Kennzeichnung mit den getrennten Anfangsbuchstaben findet man auf den frühen Werken des Künstlers. Das Übereinanderstellen der Initialen bei Abb. 4 erinnert stark an Albrecht Dürers Monogramm (Abb. 1), ebenso die größere Schreibung der Vornamens-Initiale. Auch Albrecht Altdorfers Monogramm (Abb. 2) folgt Dürers Vorbild, wobei hier Vor- und Zunamens-Initiale ununterscheidbar sind. Die Abb. 4 ist bereits recht nahe dem Typ IV (vgl. Abb. 12), doch folgen erst die Zwischenschritte II und III.
Typ II - Ans M rechts angehängtes O (Abb. 6 - 7):
Diese Form findet sich nur in den Jahren der Wallfahrtsereignisse ab 1519, zu denen Ostendorfer einige Werke beigesteuert hat [3]. Die Auffindung dieses Monogramms auf dem Wallfahrtsholzschnitt (an der Außenwand des Anbaus der Kapelle) [4] hat z. B. dazu verholfen, dieses Blatt als Werk Ostendorfers zu erkennen. Vorher war es, wie ein handschriftlicher Eintrag links unten zeigt, u. a. auch einmal für einen "Al(t)dorfer" gehalten worden.
Typ III - Mit dem M verbundenes, tropfenförmiges O (Abb. 8 - 11):
Diese Form scheint Ostendorfer zuweilen als besonders elegant bevorzugt zu haben, obgleich sie - ähnlich wie der Typ II - den Nachteil hat, daß das O nicht ganz klar als solches erkennbar ì ist. Dafür hat das Zeichen nun wirklich ausgeprägten Monogramm-Charakter und konnte in dieser Form auch gut als Markenzeichen fungieren (was ja sein Zweck war). Das Namenszeichen in der Variante der Abb. 11 ist besonders rasch und flüssig zu schreiben und taucht daher oft als flotte Pinselsignatur oder - in Briefen - als Federzug auf [5]. Diese Form haben wir auch auf dem Gedenkstein (unten) verewigt.
Typ IV - Vom O überkreuzte M-Mitte (Abb. 12 - 15):
Dieser Typ ist die zuletzt in dieser Entwicklungsreihe auftretende Form und hat (v.a. bei Abb. 12 und 13) etwas Strenges, Monumentales an sich. Daher ist er auch für das große Monogramm der Gedenktafel ausgewählt worden. Die zusätzliche Anbringung von Serifen [6] tritt immer einmal wieder auf (Abb. 14, wie schon bei Abb. 9), ohne Standard zu werden. Ihr Vorhandensein ruft wiederum die Erinnerung an Dürers und Altdorfers Namenszeichen hervor, wo die Serifen ja über Gebühr betont erscheinen (Abb. 1 und 2). Die Absicht Ostendorfers, dem berühmten Meister Dürer wenigstens im Monogramm nicht nachstehen zu wollen, ist erkennbar. Die Abb. 15 nähert sich den schwungvolleren Sorten des Typs III (Abb. 10, 11).
Das also sind die vier Typen, in denen Ostendorfers Monogramm vorkommt. Es gibt eine Reihe ähnlicher Monogramme von anderen Künstlern (z.B. Matthäus Dürnhofer, Matthias Oesterreich, Marco Ottini usw. [7]), die jedoch nie mit Ostendorfer verwechselt werden können, da sie im 17. und 18. Jahrhundert tätig waren. Ihre Werke lassen sich daher stilistisch deutlich von "echten Ostendorfern" unterscheiden.
Umgekehrt gibt es natürlich auch eine Vielzahl von "echten Ostendorfern", die sein Monogramm nicht tragen. Die Identifikation des Künstlers kann ja niemals allein durch die Signatur [8] des Werkes erfolgen, sondern muß immer auch stilkritische Untersuchungen einbeziehen, d.h. einfach gesagt, vom "Aussehen" des Werkes ausgehen (wobei man sehr genau hinschauen muß!). Auf diesem Wege lassen sich Werke als von einer "Hand" (d.h. von einem bestimmten Künstler) stammend erkennen; ebenso lassen sich gefälschte Signaturen entlarven.
Allerdings sind diese sogenannten "Zuschreibungen" durchaus nicht immer unumstritten. In der Kunstgeschichte gibt es viele Beispiele für die Zu- und Abschreibung der Autorschaft von Kunstwerken. Je nach dem Interesse des Zuschreibenden ist die "Großzügigkeit", mit der dabei verfahren wird, recht unterschiedlich. Ein Beispiel dafür ist die Strenge, mit der heute das eigenhändige Werk Rembrandts von der Kunstwissenschaft durch Abschreibungen "dezimiert" wird. Ein Gegenbeispiel ist die zynische Aussage, daß von Renoirs 500 Gemälden allein 1000 in Amerika hängen.
Für unseren Ostendorfer gilt, daß ein Großteil seines Werkes nur durch Zuschreibungen identifiziert ist, da dort eben ein Monogramm oder Namenszug fehlt [9]. Wechselnde Zuschreibungen gibt es z. B. mit Nürnberger Meistern (etwa Hans Brosamer [10], Niklas Stör, Virgil Solis usw.) oder mit Hans Mielich [11]. Auch mit Altdorfer gab und gibt es natürlich Verwechslungen (s. o. die Ausführungen bei Typ II), und mit den anderen Kleinmeistern der sogenannten "Donauschule", zu der man auch Ostendorfer zählt, erst recht.
Anmerkungen
[1]
Unter der Überschrift OSTENDORFERIANA (lateinisch =
"Ostendorferisches") teilen wir in den Jahresberichten in loser Folge
Informatives, Interessantes, Kurioses aus Leben und Werk Michael Ostendorfers
mit. Mit der Fertigstellung des Anbaus hat unser Gedenkstein für Michael
Ostendorfer seinen endgültigen Platz in der hellen "kleinen"
Pausenhalle gefunden. Der Stein trägt u.a. auch zwei Beispiele seines
Monogrammes. Der folgende Beitrag möchte deshalb die Aufmerksamkeit auf die überlieferten
Namenszeichen des Künstlers lenken.
[2] Die vier Typen sind dargestellt nach Arnulf Wynen: Michael Ostendorfer. Ein Regensburger Maler der Reformationszeit. Phil. Diss. Freiburg 1961, S. 385 f. Die Variationsbreite innerhalb des jeweiligen Typs ist hier verkürzt. Die Abbildungen zeigen die auf den Typ hin schematisierten Formen, nicht die Wiedergabe konkreter Fallbeispiele. Die Wechselstriche der Feder oder des Flachpinsels sind daher ebenfalls vernachlässigt. Die beigegebene Jahreszahl nennt jeweils das Jahr des frühesten Auftretens Zu beachten ist, daß Ostendorfer verschiedene Typen nebeneinander verwendet hat, v.a. die Typen III und IV.
[3] Vgl. meinen Aufsatz über "Michael Ostendorfer und die Wallfahrt zur 'Schönen Maria' von Regensburg", in: Michael Ostendorfer zum 500. Geburtstag. Festschrift zu Ehren des Namenspatrons der Schule, herausgegeben von der Schulleitung und dem Verein der Freunde des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i. d. OPf. im November 1990, S.7 ff.
[4] Festschrift, a.a.O. (wie Anm. 3), Abb. 1.
[5] Siehe z.B. bei Wynen, a.a.O. (wie Anm. 2), Urkunden Nrn. 20 und 23-31.
[6] "Serifen" heißen die an den Enden der Buchstaben-Balken angesetzten Querstriche in den sogenannten Antiqua-Schriften.
[7] Siehe Wynen, a.a.O., S. 386.
[8] Unter "Signatur" versteht man die eigenhändige Namenskennzeichnung des Werkes durch den Künstler, was sowohl durch ein Monogramm als auch durch den voll ausgeschriebenen Namenszug geschehen kann. Ein solcher ganzer Namenszug "Ostendorfer" ist von Bildern nicht bekannt; nur aus Briefen kennt man eigenhändige Passagen wie "Mchl. Ostndorffer Maller..." oder "Mhell. Ostendorfer Maler vnn Mitburger..." Wynen, a.a.O., Urkunden Nrn. 20 u. 22.
[9] Beispielsweise sind die Werke der Abbildungen 12, 13, 17 und 18 der Festschrift, a.a.O., alle Ostendorfer "nur" zugeschrieben. Dieses "nur" ist nicht abqualifizierend, so lange kein ernstzunehmender Kunstwissenschaftler eine größere Wahrscheinlichkeit für die Zuschreibung an einen anderen Künstler geltend machen kann (oder gar einen Beleg dafür beibringt).
[10] Ostendorfer ab- und dafür Brosamer zugeschrieben sind z.B. die Holzschnitte mit den Kat.-Nrn. 237-240 bei Wynen, a.a.O. Umgekehrt ist der heute unbestritten dem Ostendorfer zugewiesene "Hans Sachs" der Abb. 16 in der Festschrift, a.a.O., früher einmal für eine Arbeit Brosamers gehalten worden. Vgl. Wynen, a.a.O., Kat.-Nr. 67).
[11] Beispielsweise Wynen, a.a.O., Kat.-Nrn. 37, 38, 66.
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© 1992-2003 Gert Frühinsfeld, Neumarkt [ gertfr@web.de ] Letzte Bearbeitung 09.10.2003