Gert Frühinsfeld

Ostendorfers Holzschnitte zu den Fingerzahlen

 

 

  ( OSTENDORFERIANA  III) [1]  

 

 

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts übte der damals in Regensburg lebende Michael Ostendorfer eine rege Tätigkeit für die Holzschnitt-Illustration von Büchern aus. Neben auswärtigen Auftraggebern war es vor allem der Regensburger Drucker Johannes Kohl, für den Ostendorfer seine Schnitte schuf. Als Beispiel will ich ein kurioses kleines Heft vorstellen, von dessen seltenen Exemplaren eines in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg liegt. Es handelt sich um ein mit wenig Text versehenes Schriftchen zur Zeichensprache aus dem Jahre 1532, dessen Bildtafeln Holzschnitte von der Hand Ostendorfers sind [2]

Der langatmige lateinische Titel des Büchleins verrät einiges über seine Herkunft [3], am Ende, daß es von Johannes Aventinus, dem berühmten deutschen Gelehrten und Geschichtsschreiber Bayerns, herausgegeben wurde [4]. Das erste Titelwort Abacus, mit dem das Heftchen im folgenden benannt sei, bezeichnet eigentlich ein Rechenbrett [5]. Hier ist es im übertragenen Sinn, etwa als "Rechenhilfe", verwendet und benennt das Thema der Schrift: Es geht um das Zählen mit Fingern und Händen (per digitos manusque numerandi), ja auch um das Sprechen damit (quin etiam loquendi). Als Hauptbestandteil des Werkchens sind die Bilder anzusehen, die die verschiedensten Finger- und Handhaltungen für die einzelnen Zahlenwerte und Buchtaben wiedergeben [6]

Dem Titel zufolge geht der Abacus auf ein Manuskript zurück, das in der Bibliothek des Klosters St. Emmeram zu Regensburg aufgefunden wurde und von einem der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit stammt, dem angelsächsischen Benediktinermönch Beda (um 673 - 735), genannt Venerabilis (= der Ehrwürdige). Aventin widmete, wie der Titel weiter aussagt, den Druck des Abacus dem Lucas Bonfius, dem Sekretär des Kardinals und päpstlichen Legaten Lorenzo Campeggi, der zu den Reichstagen 1524 in Nürnberg und 1530 in Augsburg geweilt, und den Aventin offenbar kennengelernt hatte. 

Der Druck ist 1532 in Regensburg in der Offizin des genannten Johannes Kohl erschienen, doch sind die Bildschnitte, die von Aventin in Auftrag gegeben worden waren, schon einige Jahre früher entstanden, wie der Einleitungstext vermerkt [7]. Der Haupttext, im Original lateinisch, erläutert umständlich die Bilder [8]

Wenn du die Zahl 1 andeuten willst, so krümmst du den kleinen Finger der linken Hand bis zur Mitte der Handfläche, bei 2 tust du ein Gleiches auch mit dem  Goldfinger, bei 3 fügst du noch den Mittelfinger hinzu. Zur Andeutung der Zahl 4 streckst du den kleinen Finger wieder in die Höh, bei 5 hebst du auch den Goldfinger wieder, während du bei 6 den Mittelfinger zwar wieder aufrichtest, dafür aber den Goldfinger zur Handfläche herunterbiegst. Bei 7 wird nur der kleine Finger eingebogen, bei 8 auch noch der Goldfinger, bei 9 schließt sich diesen beiden noch der Mittelfinger an [9]. Es folgt eine ebenso genaue Beschreibung für die Zehner [10]; für die Hunderter und Tausender wird dann die Hand gewechselt: Die Zahl 100 bringt man schon mit der rechten zum Ausdruck und zwar auf genau die gleiche Weise wie man die Zahl 10 mit der linken dargestellt hat. 200 bezeichnet man mit der Rechten ganz ebenso wie 20 mit der Linken... usw. In entsprechender Weise gibt man für 1000 vermittels der rechten Hand das gleiche Zeichen wie für 1 mit der linken, für 2000 dasselbe mit der rechten wie für 2 mit der linken... usw. [11]

Es folgen noch größere Zahlen, die auch Bewegungen des Armes bzw. bestimmte Positionen der Hand am Körper einbeziehen. Deshalb zeigen die Bilder nun die Halbfiguren von Menschen: Will man ... eine Zahl wie 10000 darstellen, so hält man die linke Hand, mit der Innenfläche nach außen gerichtet, mitten vor die Brust, und zwar so, daß die aufrechtstehenden Finger bis zum Halse reichen. Bei 20000 verfährt man auf ähnliche Weise, doch gibt man der Hand eine horizontale Stellung. Die Zahl 30000 wird unter Beibehaltung dieser Horizontalstellung angedeutet, nur muß man in diesem Falle den Handrücken dem Beschauer zuwenden und mit dem aufgerichteten Daumen den Halsknorpel berühren... und so weiter in genauer Anlehnung an die Bilder [12]. Die Hunderttausender schließlich zeigt man mit denselben Gesten, aber nunmehr der rechten Hand [13], und Eine Million zu guter letzt verdeutlicht man in der Weise, daß man beide Hände gefalten zusammenlegt [14]

Die Zahlen sind also auf den Bildseiten so angeordnet, daß man die Verwandtschaft der Gesten erkennen kann, die sich auf gleiche Anfangsziffern bei unterschiedlicher Zahl von Nullen beziehen. Die Zahlen 1 - 9, 10 - 90, 100 - 900 usw. laufen jeweils in einer Spalte fortlaufend senkrecht über drei Bildseiten, während in den waagerechten Zeilen von links nach rechts jeweils eine Null angefügt wird: 1, 10, 100, 1000; 2, 20, 200, 2000 usw. Analog wird mit den durch die Halbfiguren dargestellten größeren Zahlen (in nurmehr zwei Spalten) verfahren. Dadurch ergibt sich hinsichtlich der Gestenformen eine (als Merkhilfe nützliche) Symmetrie innerhalb der Bildseiten, die erst bei näherem Hinsehen erkennbar wird: Bei den Händen ist jeweils die linke Doppelspalte symmetrisch zur rechten; bei den Figuren sind nur die Gesten der linken Spalte zu denen der rechten symmetrisch, während die unterschiedliche Gewandung und Typisierung der Gestalten dieses Prinzip durchbrechen (letztere sind ja auch unerheblich für den vorliegenden Zweck [15]). 

* * *  

So kurios und unpraktisch uns die in diesem Abacus beschriebenen Finger- und Handbewegungen erscheinen mögen, so schwer zu erlernen und zu merken: es hat sich dennoch um tatsächlich verwendete Kunstgriffe gehandelt. So sind aus der Geschichte der Zahlen und der Zählweisen bis zur Gegenwart weitverbreitete Methoden bekannt, mit Hilfe von Finger- und Körperzeichen Zahlenwerte auszudrücken [16]. Der einst alltägliche Gebrauch dieser Fingersprache läßt sich auch durch eine Reihe von Anspielungen darauf in "belletristischen" Texten der antiken und der orientalischen Literatur belegen [17]

Diese also in vielfältigen Formen bis heute praktizierte, der Taubstummensprache sehr ähnliche Technik hat ihren schriftlichen Niederschlag in zwei Sachtexten gefunden, einem abendländischen und einem orientalischen. Die abendländische Beschreibung dieser Technik ist eben die des Beda Venerabilis, die das erste Kapitel De computo vel loquela digitorum (Über das Zählen oder Reden mit den Fingern) seiner Schrift De ratione temporum (Über die Berechnung der Zeit) aus dem Jahre 725 bildet. [18] Die zweite, orientalische Beschreibung stammt aus einem persischen Wörterbuch des 16. Jahrhunderts; sie zeigt verblüffende Übereinstimmungen mit der Beda'schen Darstellung [19]. Als Quelle für seinen Text hat Beda eine spanische Enzyklopädie des 6. Jahrhunderts benutzt, die Isidor von Sevilla unter dem Titel Liber etymologiarum herausgegeben hatte. Diese fußt ihrerseits auf der ältesten bekannten schriftlichen Quelle zu dieser Fingertechnik, dem Liber de computu (Buch von der Rechenkunst) des Heiligen Kyrill von Alexandrien (376 - 444) [20]

Ob der Erfolg der Fingerzahlen auf ihrem Charakter als Geheimsprache beruht, ist schwer zu sagen [21]). Wichtiger ist vielleicht der Anschein der Gelehrsamkeit, den ihre Beherrschung verlieh [22]. Auch ihr praktischer Wert zur Darstellung von großen Zahlen in einer Zeit, in der noch kein schriftliches Ziffernrechnen eingeführt war, ist nicht zu unterschätzen. Aus dem vorliegenden Abacus läßt sich allerdings nicht entnehmen, ob und wie mit Hilfe dieser Gesten nun auch Rechenvorgänge bewältigt werden konnten. Daß die Fingerbewegungen der Vorlage gar nicht so einfach auszuführen sind, ergibt jeder Selbstversuch. Wenn nicht nur die Theorie dieser Zahlengesten verbreitet war, müßten unsere Vorfahren alle über die Fingergelenkigkeit von Geigenvirtuosen verfügt haben [23]

* * *  

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit näher den Bildern zu. Zwar sind die kleinen Holzschnitte weder einzeln noch seitenweise signiert, doch lassen sich die Darstellungen durch Stilvergleich und durch den Umstand, daß die Druckermarke auf der letzten Seite (mit dem Text JO. KOL 1532) mit Ostendorfers Anfangsbuchstaben M und O gezeichnet ist, hinreichend sicher ihm zuschreiben [24]. Daß die Darstellungen auf älteren Vorlagen beruhen, liegt auf der Hand [25], doch sind die Eigentümlichkeiten des Zeichenstils kennzeichnend genug, um sie nicht nur der Zeit, sondern eben auch Ostendorfer zuzuweisen. Besonders die stilistische Übereinstimmung mit Figuren aus Ostendorfers "Stammbaum des türkischen Sultans Suleiman" ist deutlich, was auch zeitlich zusammenpaßt, wenn man die Entstehung der Bilder des Abacus um 1527 annimmt [26]. Wahrscheinlich stammen alle Vorzeichnungen zu den Bildschnitten von Ostendorfer, trotz leichter Unterschiede in der Ausführung [27]

Jede Hand ist einzeln gezeichnet, auch die gespiegelten Formen sind nicht sklavisch übernommen. Es scheint, daß Ostendorfer hier individuell unterschiedliche Hände zeigen wollte, um darzutun, daß man den jeweiligen Gestentyp im konkreten Fall an unterschiedlichen realen Handgestalten erkennen muß. Bei den Halbfiguren ist Ostendorfer bemüht, die Vielfalt der äußeren Erscheinung seiner Zeitgenossen wiederzugeben, auch hier, weil die Geste im Kontext einer alltäglichen (oder auch exotischen) Begegnung identifiziert werden muß. Die Gesichter zeigen verschiedene Lebensalter, die Köpfe allerlei Varianten von Kopfbedeckung und Barttracht. Mit den von Ostendorfer dargestellten Gewandformen ließe sich geradezu ein (Herren-) Modejournal seiner Zeit bebildern. 

Die Zeichnungen sind rasch und locker, wie nebenbei, erstellt (eine Eigenart, die für Ostendorfer typisch ist.) Die Schraffur beschränkt sich bei den Figuren auf parallel geführte Strichlagen mit relativ harten Übergängen zwischen Licht und Schatten. Wo sie bei den großen Händen zu runden Formstrichen neigt, erzeugt die Schraffur zuweilen statt greifbarer Plastizität eher Irritation: der Charakter der Wölbung eines Handballens wird dann fraglich (nach vorne, nach hinten?). Bei den kleinen Händen der Figuren ist körperhafte Form kaum mehr versucht; da ist es schon viel, wenn erkennbar ist, ob wir die Handinnenfläche oder den Handrücken vor uns haben. Das kleine Format beschränkt die Möglichkeiten, so fein der Holzschneider auch gearbeitet hat [28]

Die künstlerische Qualität der Darstellungen ist nicht überdurchschnittlich. Allerdings ist zu bedenken, daß ja keine künstlerisch besonders anspruchsvolle Wiedergabe von Bildideen oder geistigen Konzepten beabsichtigt, sondern ein rein illustrativer Zweck zu erfüllen war. Es handelt sich bei diesen Holzschnitten um typische "Brotarbeit", der sich Ostendorfer angesichts stark zurückgehender kirchlicher Malaufträge zuwenden mußte. Man kann annehmen, daß er zu dem Drucker Johannes Kohl in einer Art loser vertraglicher Bindung stand und wohl auch Illustrationsaufträge durchzuführen hatte, die ihm inhaltlich wenig bedeuteten. Im vorliegenden Fall mag hinzukommen, daß die ständige Wiederholung der gleichen Motive den ausführenden Künstler gelangweilt hat. Die Variation im Kostüm wirkt auch wie ein Bemühen um Abwechslung - vielleicht nicht nur dem Betrachter zuliebe. 

So läßt sich der ein wenig schale Charakter der Bildseiten des Abacus wohl erklären. Ihren Zweck haben sie sicher erfüllt; immerhin sind sie bald auch für Neuauflagen der Beda'schen Fingerübungen in Kupfer gestochen worden [29] und haben gewiß später in thematisch ähnlichen Schriften weitergewirkt [30]

 

Anmerkungen  

[1]  Unter der Überschrift Ostendorferiana teilen wir in den Jahresberichten in loser Folge Interessantes aus Leben und Werk Michael Ostendorfers, des Namenspatrons unserer Schule, mit. (Zum Lebenslauf Ostendorfers siehe den Beitrag Ostendorferiana V).

[2]  In der Bibliothek des GNM unter der Signatur 8° Sp 720 (Postinc.) zu finden. Es umfaßt 16 Oktavseiten, davon 6 Bildseiten. (Angefügt ist ein weiteres kleines Traktat anderer Thematik). Die Illustrationen sind im Ostendorfer-Werkkatalog Wynens unter der Kat. Nr. 132 geführt; siehe: WYNEN, S. 330. Das Werk als Ganzes ist behandelt bei HAGELSTANGE, S. 275 - 284. (Zur Seltenheit dort S. 276; WYNEN belegt 4 Exemplare). 

[3]  An der Übersetzung des Titels mögen sich unsere Lateinschüler(innen) versuchen (die Kürzel und Zeilenumbrüche des Originals sind hier aufgelöst, gelegentlich u durch v oder umgekehrt sowie j durch i ersetzt): Abacus atque vetustissima, veterum latinorum per digitos manusque numerandi (quin etiam loquendi) consuetudo, Ex beda cum picturis et imaginibus, inventa reginoburgii sive raetobonae, in bibliotheca divi haemerani, Atque hoc conventu augustali Reverendi Atque doctissimi Domini Lucae bonfii decani patavini secretarii Reverendissimi Cardinalis Laurentii Campegii zc. Auspiciis a Jo. Aventino Edita. - (Vor dem letzten Wort "Edita" befindet sich im Nürnberger Exemplar eine geschwärzte Stelle, die rätselhaft erscheint; eine Tilgung?). 

[4]  Dieser humanistisch gebildete Mann war 1477 in Abensberg bei Regensburg geboren, wonach er sich mit seinem lateinischen Namen benannte (Aventinus = der Abensberger; er hieß eigentlich Johann Turmair). In den Jahren 1530 und 1531 hielt er sich sogar einige Male bei Pfalzgraf Friedrich II. in Neumarkt und Amberg auf (WYNEN, S. 233, Anm. 240); er starb 1534 in Regensburg. 

[5]  Zur Geschichte des Wortes und der Sache siehe IFRAH, S.136 ff. 

[6]  Die Abbildungen hier nach HAGELSTANGE, S. 278 ff. (Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Sig. 4° W 143 vx. Ich danke dem GNM für die Erlaubnis zur Wiedergabe). 

[7]  HAGELSTANGE, S. 275 f. 

[8]  Zitiert in der freien Übersetzung von HAGELSTANGE, S. 276 f. Die hier ausgelassenen Stellen sind dort vollständig; sie folgen - wie die zitierten auch - getreu den Bildern. Etwas knapper, da wörtlicher, ist eine in Auszügen bei IFRAH (S. 98 - 102) wiedergegebene Übersetzung. 

[9]  Abb. 1 - 3, jeweils linke Spalte ("Goldfinger" = Ringfinger). Nach HAGELSTANGE, S. 277, unterschlägt der Text, daß bei den Zahlen 7 - 9 der Daumen nach auswärts gebogen werden müsse, um sie von den Zahlen 1 - 3 zu unterscheiden. Den Abbildungen ist eher zu entnehmen, daß die Spitzen der abgebogenen Finger bei 7 - 9 den Daumenballen berühren sollen, bei 1 - 3 dagegen nicht. 

[10]  Abb. 1 - 3, jeweils zweite Spalte. 

[11]  Abb. 1 - 3, dritte und vierte Spalte. 

[12]  Abb. 3 - 6, jeweils linke Figurenspalte.

[13]  Abb. 3 - 6, jeweils rechte Figurenspalte.

[14]  Abb. 6 unten. 

[15]  Allerdings ist die Abfolge der Buchstaben gestört, d. h. stellenweise einer ausgelassen, so daß die (als Merkhilfe wünschenswerte) Zuordnung der Buchstaben zu den Anfangsziffern nicht durchgehalten ist (vgl. J 8 mit H 800 und andere Fälle; zur Entzifferung siehe die Bildunterschriften). Die Buchstabenfolge erscheint zweimal, in unterschiedlicher Schrifttype (vgl. A 1 mit A 100 B 2 mit B 200 usw.). 

[16]  Noch heute bei "primitiven" Völkern der Südsee zu finden (vgl. IFRAH, S. 30 ff., S. 36 ff.). Das Zählen mit fünf oder zehn Fingern war und ist weltweit und von Urzeiten bis heute verbreitet (IFRAH S.49 ff., S. 59 ff.), schon im Altertum in Altägypten, in Griechenland und Persien und bei den Römern, wie u. a. auch archäologische Bildfunde zeigen (IFRAH S. 79 ff.). Ähnliche Fingerzählweisen sind bis auf den heutigen Tag im gesamten orientalischen und asiatischen Raum geläufig (S. 82 ff.). IFRAH gibt schließlich auch Belege für die weltweite Verbreitung jenes Spiels mit Fingerzahlen, das im Italienischen Mora-Spiel genannt wird (S. 92 ff.). Erinnert sei auch an die bei uns gebräuchliche Methode, die Länge der Monate an der Abfolge von Knöcheln und Knöchelzwischenräumen der Faust abzutasten.  

[17]  IFRAH, S. 102 f., S. 105 f. 

[18]  IFRAH, S. 98. Beda war ein versierter Zeitberechner und Kalendertheoretiker; unter anderem hat sich durch ihn die bis heute in der westlichen Welt gültige historische Epochengliederung mit der Zählung der Jahre "nach Christi Geburt" durchgesetzt. Vgl. BORST, S. 36. Dort auch weitere Hinweise zu Beda (S. 33 ff.) mit Literaturangaben in den Anmerkungen. 

[19]  Zum Vergleich der beiden Überlieferungen siehe IFRAH, S. 98 ff. (Interessanterweise sind im Orient die Seiten vertauscht: dort gilt die rechte Seite für die Einer und Zehner, die linke für die Hunderter und Tausender). 

[20]  IFRAH, S. 103. Zum Begriff computus, der sich im Mittelalter vor allem auf die Berechnung des Kalenders (zum Zweck der Osterterminsbestimmung) bezog, siehe BORST, durchgehend. 

[21]  Das gilt auch für die Zuordnung der Gesten zu Buchstaben. Die Veröffentlichung im Druck spekuliert allerdings sehr wohl auf den Reiz, der im möglichen Besitz des für geheim Gehaltenen liegt. - Beim orientalischen Feilschen drückt sich der "Geheimschrift"-Charakter solcher Fingerzeichen bis ins 20. Jahrhundert hinein darin aus, daß man sie verdeckt unter einem Gewandzipfel nur dem Handelspartner, nicht aber den Umstehenden zu erkennen gibt (IFRAH, S. 84 ff.). Die Zeichen selbst sind also nicht geheim, sondern nur zu bekannt. Auch in unserem Abacus-Text heißt eine Stelle (S. AI­III) Verbi gratia si amicu[m] inter insidiatores positum ut caute agat admonere desideras.  

[22]  "Selbst im Abendland war die Methode des Fingerrechnens noch vor rund vierhundert Jahren bei den Gelehrten derart populär, daß ein Rechenhandbuch nur dann als vollständig galt, wenn es eine Beschreibung dieser Methode enthielt." (IFRAH, S. 82 f.). - "Die Fingerzahlen Bedas wurden zentraler Bestandteil des Quadrivium - der Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie, das mit dem Trivium (Grammatik, Dialektik und Rhetorik) die Gesamtheit der Sieben Freien Künste (Artes liberales) des mittelalterlichen Schulwesens bildete" (IFRAH, S. 103, Fußnote). Das wird sich wohl nicht allein auf die Ausarbeitung der Zeichen, wie sie der Abacus zeigt, beziehen; dieses "Bildungsangebot" wird auch Rechenregeln im engeren Sinne mitumfaßt haben. 

[23]  HAGELSTANGE, S. 278, vermutet aufgrund der Schwierigkeit der Gesten (jedoch zu Unrecht) nur theoretische Bedeutung und geringen Bekanntheitsgrad des Verfahrens. - "Erst durch die Ausbreitung des schriftlichen Rechnens mit den sogenannten 'arabischen' Ziffern verlor das Rechnen mit den Fingern seine Bedeutung sowohl im Orient als auch im Okzident." (IFRAH, S. 82 f.). - Zum Zweck der Bestimmung des Ostertermins ist auch eine Methode des Abzählens der Konstellationen aus Sonnen- und Mondzyklen anhand der Fingerglieder entwickelt worden (u. a. auch von Beda), die auf den Zahlen 19 und 28 basiert. Vgl. IFRAH, S. 86 - 92 (zu Beda S. 87).

[24]  Zum Druckersignet WYNEN, Kat.Nr. 133 (S. 330); HAGELSTANGE, S. 282 f. Die Gründe für die Zuschreibung erörtert HAGELSTANGE an gleicher Stelle und, ihm folgend, WYNEN, S. 140. 

[25]  Natürlich hatte Aventin dem Künstler eine ältere Vorlage gegeben, aber welche? Vielleicht Nicolaus Smyrnaeus' De supputariis digitorum gestibus? (HAGELSTANGE, S. 281, WYNEN, S. 241). Vgl. aber auch die älteren Bilddarstellungen von Fingerbewegungen bei IFRAH, S. 81 (von 1210, spanisch) und S. 82 (von 1494, venezianisch), allerdings jeweils ohne Figuren. Leider hat man mir in einen handschriftlichen Auszug aus Bedas De tempore ratione keine Einsicht gewährt, der mit unserem Abacus identisch zu sein scheint und möglicherweise auch Zeichnungen enthält, die als Vorlage gedient haben könnten (Bibl. des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Signatur °8 N 931). 

[26]  HAGELSTANGE, S. 284. Zur Stammbaum-Darstellung WYNEN, Kat. Nr. 62 (S. 297). Zu dem von HAGELSTANGE (S. 283) ebenfalls angeführten Vergleichsbeispiel, dem Titelschnitt zu Ricius' Statera prudentum von 1532, siehe WYNEN, Kat. Nr. 135 (S. 331). 

[27] So vermutet HAGELSTANGE (S. 280) zwei "Hände" (= Künstler) am Werk, wogegen WYNEN (S. 141) nur eine zeitliche Unterbrechung zwischen zwei auseinanderliegenden Arbeitsphasen des gleichen Künstlers, eben Ostendorfers, sieht. 

[28]  Die Hände sind im Original ca. 2,7 cm groß, die Figuren ca. 4,8 cm; bei HAGELSTANGE originalgroß wiedergegeben. 

[29]  Die Bilder finden sich zuerst als Kupferstichkopien 1544 wieder (HAGELSTANGE, S. 281). 

[30]  Eine Literaturliste solcher Schriften bis zur Mitte des 19. Jhds. gibt HAGELSTANGE, S. 279. Wieweit diese die Illustrationen übernommen haben, müßte in Augenschein genommen werden; die bis heute fortgesetzt entstandene Literatur zur Finger- und Zeichensprache wäre heranzuziehen. IFRAH (S. 82) bildet eine Tafelseite eines Rechenhandbuches von 1727 ab (aus Jacob Leupold's Theatrum Arithmetico-Geometricum), auf der die Figuren in den gleichen Körperwendungen und Gewandungen erscheinen wie bei Ostendorfer! Da dort eine Beischrift bekundet: "bey dem Beda entlehnet", ist die Traditionslinie zurück bis zur Aventin-Ausgabe deutlich. - Zur Geschichte des Zählens und Rechnens sowie des Zahlenschreibens ist IFRAH praktisch erschöpfend (mit aller älteren Literatur). BORST ist vorzüglich hinsichtlich der Mentalitätsgeschichte des Zeit- und Zahlverständnisses im Abendland, mit ebenfalls reichhaltigen Literaturangaben.

 

 

 

Literatur

BORST, Arno: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Berlin: Klaus Wagenbach 1991 (Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek Bd. 28).

HAGELSTANGE, Alfred: "Ein Schriftchen über Zeichensprache von 1532, mit Holzschnitten von Michael Ostendorfer." In: Studien aus Kunst und Geschichte. Friedrich Schneider zum 70sten Geburtstage. Freiburg im Breisgau: Herder 1906.

IFRAH, Georges: Universalgeschichte der Zahlen. Frankfurt/New York: Campus 1991 (2.A.).

WYNEN, Arnulf: Michael Ostendorfer (um 1492-1559). Ein Regensburger Maler der Reformationszeit. Phil. Diss. Freiburg 1961.

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