Gert Frühinsfeld

Ostendorfers Reformationsaltar

für die Neupfarrkirche in Regensburg   (1554/55)

 

OSTENDORFERIANA (IV) [1]
 

[ Das Mittelbild der Vorderseite ]   
[ Die Innenseiten der Flügel ]
[ Die Außenseiten der Flügel ]   
[ Das Mittelbild der Rückseite ]   
[ Die Entstehung des Altars ]
[ Kennzeichen protestantischer Bildkunst ]   
[ Die theologische Bedeutung des Neupfarraltars ]
[ Die künstlerische Bedeutung des Neupfarraltars ]   
[ Der Altar als Museumsstück ]

  [ ANMERKUNGEN ]   
[ LITERATUR ]

 

Gegen Ende seines Lebens, als etwa Fünfundsechzigjähriger, schuf Michael Ostendorfer sein größtes Werk, den sogenannten Reformationsaltar für die Neupfarrkirche in Regensburg, den er vier Jahre vor seinem Tod, 1555, vollendet hat. Es handelt sich dabei um einen Altaraufsatz (Retabel), d. h. eine auf dem Altartisch aufragende Bildwand in der Form eines wandelbaren Flügelaltars, eines sog. Triptychons, bestehend aus einer großen Mitteltafel und anschließenden, halb so breiten, beweglichen Seitenflügeln [2]. Innen- wie Außenseiten dieses aus Holzbrettern gezimmerten Aufbaus und die Umrahmungen sind bemalt. Die ursprünglich vorhandene Sockelzone, die sog. Predella, fehlt; ebenso ein wahrscheinlich einst vorhandener krönender Aufsatz. Während das Mittelbild aus einer einzigen, durchgehenden (wenn auch kompositionell zweigeteilten) Bildfläche besteht, sind die Flügel durch Rahmenleisten in Einzelbilder unterteilt: die Innenflügel in je drei, die Außenflügel in je zwei Bildfelder, eingefaßt jeweils von der schmuckreichen Rahmung [3]. Wie in jedem Altar stehen die Teilbilder in einem engen inhaltlichen und formalen Zusammenhang; nach Absicht und Wirkung ist das Retabel ein Ganzes, das nur in der Zusammenschau aller seiner Teile seinen Gehalt offenbart. Doch zunächst seien diese Einzelteile beschrieben [4].

 

DAS MITTELBILD DER VORDERSEITE (Abb. 1)  

Die Mitteltafel des geöffneten Altars ist in mehrere waagerechte Zonen gegliedert. Scharf trennt die leicht unterhalb der Mitte liegende gesimsartige Kante zwei Bildfelder voneinander, die jeweils eine figurenreiche Szene zeigen.

Im oberen Bildteil ist die Gruppe der Jünger Jesu um ihren Meister versammelt, die eng beeinander auf einem im Vordergrund ansteigenden Hügel steht. Links und rechts davon schweift der Blick in eine weite, detailreich wiedergegebene Landschaft, die mit Flüssen und Seen, Ortschaften, Bergen und Burgen die "Welt" repräsentiert. Denn wie die Inschrift auf dem Schriftband anzeigt, das von Engeln über den Köpfen der Jünger ausgespannt wird, ist Jesus im Begriff, diesen den Auftrag zur Mission zu erteilen: "Gehet prediget Das Euang.[elium] Allen Creaturn. - Vnd Leret sie Halten, was ich euch Befolhen Hab etc. MATTH. MAR. VLT[IMO]." [5] Der in der Mittelachse des symmetrischen Bildaufbaues stehende Christus weist mit einer Hand auf diesen Text (der also wie die Sprechblase eines heutigen Comics als aktuell gesprochene Rede zu verstehen ist); mit der anderen Hand, die zugleich das Wundmal vorweist, zeigt er auf diese Welt. Die Jünger, variantenreich unterschieden nach Typus, Alter, Gesichtsfarbe, Barttracht und Gewandung, reagieren durch lebhafte Gestik, Körper- und Blickwendungen auf die Worte Christi. Im Hintergrund sieht man zeitgleich - in Bildern dieser Epoche nicht ungewöhnlich - dieselben Jünger paarweise als Apostel in die Weltgegenden ausschwärmen [6].

Über der Szene teilt ein Wolkenband - in nach oben schwingender Verlängerung des Schriftbandes - die überirdisch zu denkende Himmelszone von dem abendlich geröteten, natürlichen Himmel ab. Wie ein Echo folgt ein weiterer, kleinerer Wolkenbogen darüber; in der senkrechten Mittelachse schwebt über dem Heiligenschein Christi an der Berührungsstelle der Wolkenbänder die weiße Taube des Heiligen Geistes. Über dem oberen Wolkenstreif erscheint Gottvater in würdiger, bärtiger Greisengestalt, bekrönt und mit kreisrunder Aura umgeben. Er schaut auf die Szene herab und weist segnend auf die Taube und auf Christus; seine andere Hand ruht auf der Weltenkugel. Das in der Dunkelzone zwischen den beiden Wolkengruppen ebenfalls von pausbäckigen Engeln umgebene Schriftband gibt seine Worte wieder: "Diß ist Mein Lieber Son, Den solt ir Hören. LVC. 9" [7].

Die Szene verknüpft also die Einsetzung Christi als Messias durch Gottvater mit der Einsetzung der Jünger als Apostel durch Jesus. Zugleich stellt die in der Mittelachse gegebene Verbindung von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist das Motiv der Dreieinigkeit heraus.

Die deutliche Trennlinie zum unteren Bild wird nur gemildert durch die beiden weiteren, nach oben gebogenen Schriftbänder, die in den oberen Bildteil hineinragen. Daß sie nicht von Engeln getragen sind, verdeutlicht die "irdische" Situation, die unten dargestellt ist und auf die sie sich beziehen. Auch hier sind die Texte als wörtliche Reden zu verstehen: links als die des erhöht auf einer Kanzel stehenden (und dadurch weit ins obere Bild ragenden) Predigers, der eine aufgeschlagene Bibel vor sich hat: "Thut Busse. Vnd glaubt Dem Euangelio etc. MAR. 1" [8].

Rechts zeigt das Spruchband die Rede des ganz rechts sitzenden zweiten Geistlichen, der seine Worte "Dir sind dein sünde vergebe-. LVC.7."  unter Handauflegung zu einem reich gewandeten, aber demütig das Haupt entblößenden Beichtenden spricht [9]. Die beiden Geistlichen tragen keine Meßgewänder, sondern Chorhemden über dem Talar. Der durch Fußbodenplatten und Brüstungskanten zentralperspektivisch dargestellte Raum zwischen den beiden Geistlichen ist eng gefüllt mit einer vielköpfigen Menschenmenge, der lutherischen Gemeinde, die unter den beiden maßgeblichen Aspekten von Predigt und Buße belehrt wird.

Während die Szene im oberen Abschnitt eine biblische Begebenheit verbildlicht, stellt die untere das aktuelle evangelische Gemeindeleben Regensburgs zur Zeit der Entstehung des Altars dar. Die Vielzahl der keineswegs ärmlich gekleideten, teilweise würdevoll auftretenden Gemeindemitglieder ist nach Tracht und Lebensalter ähnlich stark differenziert wie die Jünger oben, allerdings nach zeitgenössischer Mode. Hinzu kommen hier außerdem Frauen und Kinder [10]. Die Vielfalt der Kopfbedeckungen, unter denen auch orientalische nicht fehlen, ist bemerkenswert. Auffällig ist die Wendung der überwiegenden Mehrzahl der Versammelten nach links zum Kanzelprediger hin, eine Ausrichtung, die durch die leichte Körperdrehung Christi im oberen Bildteil "vorbereitet" ist. Nur der Beichtende und einige der Zeugen seiner Lossprechung wenden sich nach rechts, dazu die eben erst hinzutretenden Männer links vor der Kanzel; ein, zwei Köpfe in der Menge schauen ebenfalls nach rechts. Einige der Menschen blicken deutlich aus dem Bild heraus auf den Betrachter, als wollten sie ihn auffordern, sich ihrem Kreis anzuschließen. Halb links sitzt einer der alten, bärtigen Gläubigen in einem reichverzierten, thronartigen Stuhl; ähnlich prächtig erscheinen die im Vordergrund stehenden Personen. Auch der Ornamentschmuck der Kanzel ist reichhaltig und kontrastiert mit der links auf der Kanzelbrüstung aufgestellten, fast ein wenig zu zweckhaft wirkenden Sanduhr. Sie ermahnt jedoch nicht nur ganz konkret den Prediger, die Geduld seiner Zuhörer nicht zu überfordern [11], sondern auch symbolisch die Anwesenden (und den Bildbetrachter), sich der Begrenztheit ihrer irdischen Lebenszeit bewußt zu sein.

 

DIE INNENSEITEN DER FLÜGEL  (Abb. 2, links und  rechts)

Ähnlich wie bei der Mitteltafel ist Ostendorfer auch bei den Seitenflügeln verfahren: Er stellt eine Beziehung zwischen einer biblischen Aussage und seiner, Ostendorfers, Gegenwart her. Allerdings nimmt er diesmal keine Textzitate zu Hilfe, und er zeigt nun jeweils eine Abfolge von drei übereinanderliegenden Szenen: einer alttestamentlichen, einer neutestamentlichen und einer zeitgenössischen. (Solche Darstellungen von Szenen des Alten Testaments, die auf Szenen des Neuen vorausweisen, nennt man - auch beim Vergleich von Schriftstellen der Bibel - "typologisch" [12]).

Der linke Innenflügel  (Abb. 2, links)

Der linke Flügel zeigt das Thema der Taufe in dieser dreistufigen Erscheinungsform. Links oben ist die Beschneidung Jesu in Symbiose mit der Darbringung im Tempel dargestellt. Vor vielen Zeugen wird das von Maria und Joseph herbeigebrachte Christkind von einem Priester über die auf dem Altar stehende Schale gehalten. Der Mohel, der Beschneider, ist im Begriff, durch die Beschneidung des Kindes das Zeichen des Alten Bundes zwischen Gott und Abraham zu bekräftigen. Jesus soll damit in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen werden, was als typologisches Urbild der Taufe gilt, da auch die Namengebung damit verbunden war. Rechts steht ein Priester mit einem offenen Buch in der Hand; vor ihm sitzt das Taubenpaar aus der Darbringung auf dem Tisch [13].

Im mittleren Bild des linken Seitenflügels sieht man die neutestamentliche Taufe Jesu durch Johannes im Jordan [14]. Über Christus, der auch durch die ihn umgebende helle Wasserfläche des Flusses hervorgehoben ist, schwebt die Taube des Heiligen Geistes, ebenso ist - ähnlich wie auf dem Hauptbild - Gottvater in der Himmelsöffnung sichtbar. Mit dieser Darstellung wird der Ersatz der Beschneidung durch die Taufe im Neuen Bund bekräftigt, die Taufe als Sakrament konstituiert. Das Bild ist dabei zugleich eine Verbildlichung der Trinität in der (nicht ganz mittigen) Achse der Seitentafel.

Unten links schließlich sind wir wieder in Ostendorfers Gegenwart, in der eine evangelische Kindstaufe vollzogen wird in einem zeitgenössischen, von Bogenstellungen begrenzten Kirchenraum, der gegenüber dem Tempel der ersten Szene völlig schmucklos gehalten ist. Der fest gewickelte Täufling wird vom Paten über den schweren, runden Taufstein gehalten, während der Pfarrer im Chorhemd die sakramentale Handlung im Kreise der umstehenden Gemeindemitglieder vollzieht.

Der rechte Innenflügel  (Abb. 2, rechts)

Der rechte Flügel veranschaulicht das Thema des Abendmahls, ebenfalls in drei verschiedenen Entwicklungsstufen, also wiederum in einer typologischen Abfolge. Oben rechts erkennen wir als Urbild des Abendmahls das von Jesus und seinen Jüngern nach jüdischem Brauch allwöchentlich begangene Passahmahl, vielleicht auch dessen Ende, da alle im Aufbruch begriffen scheinen [14a]. Die Darstellung ist genrehaft-alltäglich, wenn auch in einen architektonisch sehr noblen Innenraum versetzt. Jesus reicht das Brot, ein Jünger ißt, einer trinkt. Deutlich sind der Wein in den Krügen in der rechten Ecke und das Passahlamm auf dem leeren Tisch in der Mitte herausgestellt.

Im Mittelbild des rechten Flügels ist das Letzte Abendmahl der Passionsgeschichte gezeigt, in ganz traditioneller Form, mit dem Lieblingsjünger Johannes an der Brust Christi, klein wie ein Schoßkind. Judas ist durch den Geldbeutel als der spätere Verräter gekennzeichnet. Es ist der Moment der Darreichung des Kelches gezeigt, also die durch Christus vorgenommene Einsetzung von Brot und Wein als Sakrament betont. Wie im oberen Bild sind die Krüge im Wortsinne in den Vordergrund gerückt.

Dementsprechend gibt das untere, das "Gegenwarts"-Bild des rechten Flügels das sogenannte Abendmahl in beiderlei Gestalt wieder, in der Form also, in der es in der lutherischen Gemeinde gefeiert wird. Dieser Sachverhalt ist verdeutlicht durch die gleichzeitige Aktion zweier Pfarrer [15], die den Kelch (links) und die Hostie (rechts) austeilen. Wieder ist der Wein betont, diesmal durch die auf der hellen Altartischfläche überdeutlich herausgestellte Abendmahlskanne neben der aufgeschlagenen Bibel. Auch hier sind, wie im Mittelbild und im linken Flügel, in die zeitgenössische Gemeinde auch Frauen einbezogen, auffallend gekennzeichnet durch ihre weiß leuchtenden Hauben. Die im Bild sichtbare Basis eines Altaraufbaues erinnert an die Altarentwürfe im Renaissance-Stil, die Altdorfer für die Neupfarrkirche in Holz geschnitten hatte [16].

 

DIE AUSSENSEITEN DER FLÜGEL (Abb. 3, links und rechts)

Die beiden Außenflügel zeigen das Leben Christi in einer Abfolge von vier Stationen. Im offenen Zustand, den die Abb. 3 zeigt, sind allerdings die Seiten vertauscht [17]; im geschlossenen Zustand ergibt sich dagegen eine chronologische Bildfolge von der Verkündigung des Engels über die Geburt Christi bis zu seiner Kreuzigung und Grablegung.

Die Verkündigung (Abb. 3, rechts oben) ist in einen prächtigen Renaissance-Innenraum verlegt, der von einer kassettierten Decke überwölbt wird. Eine bauchige, ornamentierte Säule teilt das Bild, trennt dabei den Engel und Maria voneinander und betont so eine Achse, die sich über die Stirnfläche von Mariens Lesepult bis in das darunterliegende Kreuzigungsbild fortsetzt. Rechts hinter Maria erkennt man ein baldachinüberdachtes Bett. Der Engel eilt mit wehendem Gewand herbei; seine Verkündungsworte sind mit Hilfe eines Schriftbandes mitgeteilt, das um ein Szepter gewunden ist, um ihre Erhabenheit zu betonen. Im Gegensatz zu dem nur ganz zarten Nimbus Mariens ist die Taube des Heiligen Geistes, die zwischen Maria und dem Engel schwebt, mit einer strahlenden, kreisförmigen Gloriole umgeben, und ebenso Gottvater in der Wolkenöffnung. Von ihm geht ein Lichtstrahl aus, der - die genannte Säule kreuzend - den Weg der Taube bezeichnet.

Im Bild der Geburt Christi (Abb. 3, links oben) beschränkt Ostendorfer die Szenerie auf einen konventionellen Stall aus Holzgebälk, vor dem Maria und Joseph das winzige, auf weiße Laken gebettete Kind verehren, das vom Maler etwas ungeschickt am Fuße des Gebäudepfostens placiert ist. Joseph tritt eben mit der Laterne herzu, von einem hellen Himmelsgrund umgeben, der durch einen verfallenen Torbogen zu sehen ist. Ein analog gestalteter Bogen im Inneren beschattet Tiere und Hirten. Maria ist von einer giebelartigen Nische "beschützt", die das Motiv der Dachschrägen aufnimmt; auch die sich dem Kinde zuneigenden Körperachsen von Joseph und Maria folgen diesen Schrägen. Aus einem Wolkenloch beobachten drei Putten die Szene; genau über der Mitte der Darstellung strahlt klein und zart der Bethlehemstern.

Die Szene der Kreuzigung (Abb. 3, rechts unten) ist ebenfalls traditionell gegeben, nur sparsam bevölkert mit Johannes und den drei Marien zur Rechten Jesu. Der Kreuzesstamm füllt das ganze Bild von unten bis oben aus. Rechts davon treten der sich bekehrende, mit Turban, Buckelschild und gebogener Schwertscheide reich ausstaffierte Hauptmann und ein weiterer, gerüsteter Soldat hinzu. Das ist die einzige "Handlung" im Bild - neben den Erschreckens- und Hinweisgesten von Maria und Johannes und dem Wehen des Lendentuchs Christi. Keinerlei Zusätze lenken vom Wesentlichen ab. Der Hintergrund um das hoch aufragende Kreuz bleibt ohne Details; man sieht nur die fernen Hügel und den wechselnd dramatisch rot und dunkel-drohend gefärbten Himmel, der links mit dem düsteren Laubwerk verschmilzt.

Die Grablegung schließlich (Abb. 3, links unten) zeigt einen rechtwinklig geformten, offenen, steinernen Sarkophag vor einer Felskulisse. Die Männer und Frauen [18] sind bewegt und erregt, wie ihre wechselnden Körperrichtungen zum Ausdruck bringen. Sie halten einen Augenblick lang in ihrem Vorhaben inne, mit Hilfe eines Tuches den bleichen Leichnam ins Grab zu senken. So kann Maria, den hingesunkenen Kopf des Verschiedenen sanft anhebend, mit einer zärtlichen Geste von ihrem Sohn Abschied nehmen.

 

DAS MITTELBILD DER RÜCKSEITE  (Abb. 3, Mitte)

Die Mitteltafel der Altarrückseite zeigt eine Darstellung des Jüngsten Gerichts, verquickt mit einer weiteren, allerdings in der Form wiederum abgewandelten Darstellung der Trinität [19].

Mehrere gelbliche "Sphären" sind durch bogenförmige graue Wolkenbänder abgeteilt. In der obersten erscheinen als einander zugewandte Halbfiguren Gottvater, das geöffnete Buch der Offenbarung vorweisend, und der Heilige Geist in Menschengestalt (nicht als Taube) [20]. In der zweiten Zone sitzt unter den beiden Genannten, um einiges größer als sie, der auferstandene Christus auf dem Regenbogen und hält Szepter und Kreuzesfahne, die Insignien des Weltenrichters, in den Händen. Um ihn versammelt finden sich die himmlischen Heerscharen in weißen Gewändern. Das Ganze wird flankiert von den nach links und rechts außen gewandten Engeln, die mit flaggengeschmückten Posaunen zum Gericht blasen. Weitere, in den Ecken assistierende Figuren sind schwer deutbar; sie stellen vielleicht Allegorien der vier Elemente dar [21].

Das dunkelschwere, nahezu waagrecht verlaufende nächste Wolkenband grenzt das unterste Drittel des Bildes ab. Zwischen diesem Band und dem darüberliegenden Wolkenbogen stehen links und rechts dicht gereiht nackte Menschen, die betend ihr Geschick, das Urteil des Jüngsten Gerichts, erwarten. Das unterste Bilddrittel gliedert sich wiederum in zwei Zonen: die Darstellung der Erweckung aus den Gräbern und die der Hölle. Aus einer langen Reihe von rechtwinkligen Gruben entsteigen die Auferweckten. Ihr Verhalten ist gruppenweise unterschiedlich, doch  nicht eindeutig zu bestimmen [22].

Wie eine riesige Zange spreizt sich, aggressiv von unten her drohend, der Höllenschlund, dessen Konturlinie die Bögen der Wolken wieder aufnimmt. Zwischen den klauenartigen Zähnen packt das Ungetüm die auf ewig Verdammten, die im Feuer brennen; Rauch steigt auf und verbindet sich links und rechts mit dem Wolkenstreifen. Scharf und schneidend stehen die schwarzen Umrisse der gehörnten und geschwänzten Teufel, die den Unglücklichen zusetzen. Unter diesen ist einer, der verzweifelt, doch ohne Erfolg, mit seinem hell leuchtenden Ablaßbrief winkt - der Papst; auch er nackt bis auf die Tiara. Auch andere Geistliche teilen sein Schicksal [23].

Bös blickt das scheußliche Auge des Höllentiers auf den Betrachter. Das Bild zeigt alles in allem sehr viel mehr von den Schrecken der Verdammnis als von der Freude der Erlösung [24].

 

DIE ENTSTEHUNG DES ALTARS  [25]

Unter welchen Umständen ist dieses Altarretabel entstanden? Nach dem raschen Abflauen der Verehrung der Schönen Maria Mitte der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts hatte man in Regensburg die unvollendete Wallfahrtskirche in eine evangelische Kirche, die sogenannte Neupfarrkirche, umgewandelt und sie von den inzwischen als unangebracht empfundenen Gnadenbildern (Bildtafel und Bildsäule der Schönen Maria) befreit. [26] Nach der Zwangspause des Augsburger Interims, das zwischen 1548 und 1552 die Ausübung des lutherischen Bekenntnisses verboten hatte, war die Durchführung evangelischer Gottesdienste wieder möglich, und offenbar wollte man den protestantischen Kirchenraum  jetzt endlich auch angemessen ausstatten. Der Rat der Stadt Regensburg gab daher Anfang des Jahres 1554 [27] Michael Ostendorfer den Auftrag, für diese Neupfarrkirche einen Flügelaltar mit einem evangelischen Bildprogramm zu gestalten.

Wie kam man gerade auf ihn? Ostendorfer lebte seit 1549 wieder in Regensburg, nachdem er aus dem Neumarkter und Amberger Hofdienst bei Pfalzgraf Friedrich II. ausgeschieden war [28]. Erneut war ihm das Regensburger Bürgerrecht erteilt worden, das er ja vor seiner Hofmalerzeit schon einmal besessen hatte. Dass ihm das gelang, könnte ein Hinweis darauf sein, daß er inzwischen Protestant geworden war. Da Regensburg im Jahre 1542 zum lutherischen Bekenntnis übergetreten war, hätte ihn das Bekenntnis zu Luther wohl für den Auftrag empfohlen [29].

Das inhaltliche Konzept des Altars, das natürlich vom Auftraggeber festgelegt wurde, stammte von dem Superintendenten  der lutherischen Gemeinde Regensburgs, Nicolaus Gallus, mit dem Ostendorfer schon vor und während des Interims zusammengearbeitet hatte. Dabei hatte er als Zeichner (doch wohl nicht selbst als Formschneider) die Holzschnitt-Illustrationen zu den protestantischen Traktaten des Gallus beigesteuert, nämlich für dessen erste Summa der wahren Lehre... von 1547 (nachgedruckt 1552) und für den Catechismus von 1554. Die Holzschnitte Ostendorfers zu diesen verbreiteten reformatorischen Lehrschriften sind eng verwandte Vorläufer der Bildlösungen des Neupfarraltars; teilweise sind sie noch parallel zu diesem entstanden [30]. Die Schnitte illustrieren die zehn Gebote, die drei Glaubensartikel, die sieben Bitten des Vaterunsers und die (damals) drei Sakramente des evangelischen Katechismus (Taufe, Buße und Abendmahl) und stellen insgesamt die inhaltliche (und teilweise auch die formale) Grundlage für den Reformationsaltar dar, aus der Ostendorfer schöpfen konnte und wohl auch sollte [31]. Eine Reihe der Bildlösungen geht wahrscheinlich auf Lukas Cranach zurück, den Ostendorfer vielleicht persönlich kannte, dessen Arbeiten ihm jedenfalls vertraut waren. Andere sind "zumeist ganz selbständige[n] Schöpfungen" Ostendorfers [32]. Aber auch weitere Bildquellen kommen in Frage; so etwa Tizian für die Grablegung [33].

Neuerdings hat man noch eine andere italienische Quelle für das Mittelbild der Vorderseite postuliert, nämlich Raffaels Disputà del Sacramento von 1509 in der Stanza della Segnatura des Papstes Julius II. Ostendorfer könnte sie aufgrund eines in Antwerpen erschienenen Reproduktionsstiches Giorgio Ghisis gekannt haben [34]. Während der symmetrische, axiale Aufbau mit der Horizontalgliederung in irdische und himmlische Zonen und mit der halbkreisförmigen Versammlung von Figurengruppen nicht ungewöhnlich ist und viele Bildquellen haben kann [35], ist die Ähnlichkeit mit Einzelheiten des Raffaelbildes (besonders in der Fassung des in den Proportionen veränderten Stiches) mit der Ostendorfertafel doch auffällig [36].

Woher auch immer die Bildideen nun stammten, im Frühjahr 1554 machte sich Ostendorfer an die Arbeit. Über den Arbeitsprozeß bei der Entstehung dieses Altarwerkes geben einige glücklich überlieferte Briefe Ostendorfers an verschiedene Rats- und Gemeindemitglieder Aufschluß [37]. Wie daraus hervorgeht, waren der Rat und Ostendorfer nicht gut aufeinander zu sprechen; vielleicht hatten mißgünstige Neider den Künstler beim Rat angeschwärzt. Dieser warf jedenfalls Ostendorfer Saumseligkeit vor; der seinerseits beklagte sich beim Magistrat wiederholt über mangelnde Bezahlung [38]. Es geht in den Briefen häufig um die Anforderung von Malmaterial oder Blattgold, also von Produktionsmitteln, aber auch von Geld und Nahrungsmitteln [39]. Dem alten und kranken Ostendorfer ging die Arbeit offenbar nur schwer von der Hand. Es gibt jedoch keinen Grund, anzunehmen, er habe die Arbeit absichtlich verzögert, um bessere Entlohnung zu ertrotzen.

Anfang 1554 hatte der Schreiner die Holztafeln in Ostendorfers Werkstatt zusammengesetzt, damit dieser sie grundieren und die dafür vorgesehenen Szenen vorzeichnen konnte; dazu brauchte er, wohl auch krankheitshalber, bis Ende Juli [40]. Anfang Mai 1555 war die Mitteltafel vollendet [41].

Ende September 1555 lagen dann auch die Seitenflügel fertig vor, und Ostendorfer konnte mitteilen, daß der Altar nach etwas mehr als eineinviertel Jahren fertiggestellt und nur noch die rückseitige Mitteltafel zu bemalen sei. Er betonte dabei, "Das[ß] ich Nach keines andern Meisters Hand gesudlet[,] Sonder von freier Hanndt diese Matering [= Materie]  gemacht[,] des ich Mich Nit schamen darff [=schämen muß]" [42]. Aus diesem Stolz heraus hat er dann auch die Einzelbilder der Vorderseite des Altars mit seinem Monogramm signiert [43]. Erst nachdem auch die Darstellung auf der Rückseite des Retabels vollendet war, konnte der Flügelaltar gegen Ende des Jahres 1555 in der Neupfarrkirche aufgestellt werden.

 

KENNZEICHEN PROTESTANTISCHER BILDKUNST

Um den Stellenwert von Ostendorfers Werk als Reformationsaltar einschätzen zu können, muß man sich die Haltung Luthers (und auch der anderen Reformatoren) zur Bilderfrage, d. h. zur Frage der Funktion des religösen Bildes und der Art der Kirchenausstattung, vergegenwärtigen. Im Verlauf der Reformation kam es ja auch zu Ausschreitungen gegen Bilder und zur Ausräumung von Kirchen, zum sogenannten Bildersturm [44]. Warum gab es diese reformatorische Bilderfeindschaft, und welche Rolle kann in diesem Zusammenhang ein ausdrücklich evangelischer Altar gespielt haben?

Grundlegend für diese Frage ist das Verhältnis Luthers zum Wort. Seine Theologie postuliert die alleinige Offenbarung Gottes im Schrifttext der Bibel (und allenfalls in dessen Auslegung im gegenwärtigen Predigtwort), ohne dabei die Vermittlung einer Institution (Papstkirche), einer verehrten Person (Maria, Heilige) oder einer neben der Bibel bestehenden historischen Texttradition (Kirchenväter) für nötig zu halten. Daher hat das Wort den absoluten Vorrang vor allem anderen, insbesondere also auch vor den Bildern [45].

Die Vorbehalte der Reformatoren gegen den Gebrauch von Bildern in der Kirche richten sich dabei vor allem gegen deren Verehrung. Die "Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst" [46] (sprich: vor der Renaissance) ist ja eine Geschichte des angebeteten Bildes, seines Gebrauchs als Idol. Darum geht es beim Bilderstreit; schon die byzantinischen Bilddebatten des 8. Jahrhunderts drehten sich um diesen Punkt: Ist das Bild nur äußerliche Darstellung zum Zwecke der Erinnerung und Gedankenstütze, oder steht es stellvertretend für das dargestellte Wesen, so daß man dem Bilde huldigt, als wäre es mit jenem Wesen identisch? [47]

Luther ließ die Verehrung der Bilder nicht zu, und wenn er sich gegen die Auswüchse der Regensburger Marienwallfahrt wandte, dann war ihm dort die Anbetung, die Vergötzung der Marienbilder ein Dorn im Auge. Auch das Ablaßwesen, dem der kritische Vorstoß Luthers ursprünglich gegolten hatte, war ja eng mit dem Bild- und Reliquienkult verknüpft [48].

Andererseits richteten sich die Vorbehalte Luthers in der Frage der Bilder auch gegen ihre Stifter und deren Anspruch, sich vor Gott durch das gute Werk einer Bilderstiftung rechtfertigen zu wollen. Solche "falsche Werkgerechtigkeit" geißelte Luther scharf, nicht ohne den gleichen Vorwurf auch den rüden Bilderstürmern zu machen, da diese durch die Zerstörung der Bilder auf ihre Weise gute Werke zu tun glaubten. Luthers Theologie bestritt jedoch überhaupt die Wirksamkeit der Werke [49]. Daher konnte er auch die grobschlächtigen Methoden des Bildersturms Karlstadts in Wittenberg nicht gutheißen. Nur die Zerstörung von Bildern an Wallfahrtsorten fand er lobenswert, weil er diese als "des Teufels Herberge" ansah und jene als Götzen [50].

Letztlich hielt Luther sich also an eine vermittelnde Auffassung, nach der die Bilder zwar nicht zur Verehrung mißbraucht, wohl aber zum Zwecke der Belehrung und Erbauung gebraucht werden durften. Für diesen Zweck aber hielt er sie sogar für unentbehrlich: "Man kann die geistlichen Sachen nicht begreifen, wenn man sie nicht in Bilder faßt" [51].

Daraus folgte, daß Luther den Bildern nun aber auch eine positive Aufgabe zuweisen mußte, was insbesondere durch die Wahl der Themen geschehen konnte. Bestimmte Themen wurden daher von Luther gefördert, wenn sie spezifisch evangelische Glaubensaussagen illustrieren konnten; andere wurden, wenn sie diesen entgegenstanden, verworfen. Insbesondere schienen also Darstellungen geeignet, die die Bedeutung des Wortes Gottes für den evangelischen Christen hervorheben konnten [52].

Die Abwertung des für sich stehenden Bildes, die Aufwertung des aus der Heiligen Schrift gewonnenen Wortes erzeugt etwas für den Protestantismus Typisches: das kommentierte Bild, das seinen lehrhaften Sinn nicht dem bloßen Augenschein, sondern dem (diesen erst bestimmenden) Wort verdankt. Das führt unter anderem zu einer in der Reformationszeit sehr verbreiteten Erscheinung: zur Agitation mit Bild und Text in der gedruckten Flugblatt- und Pamphletproduktion, zu deren Erfolg natürlich der aufblühende Buchdruck und der Gebrauch der (luther-!) deutschen Sprache viel beitrugen [53].

In einer milderen Form als bei diesen marktschreierischen "Massenmedien", aber deutlich genug, tritt dieser propagandistische Charakter der Reformation auch in den von ihr inspirierten gemalten Bildtafeln auf, die ebenfalls durch eine starke didaktische Ambition gekennzeichnet sind. Diese wird oft mittels typologischer Gegenüberstellungen in der Bilddarstellung und mittels deren ausführlicher Texterläuterung durch Schriftbänder realisiert [54]. Vor allem Lucas Cranach d. Ä. (ca. 1472-1553) und seine Werkstatt in Wittenberg haben in engem Kontakt mit Luther diese Form der sogenannten "protestantischen Lehrbilder" entwickelt und verbreitet [55]. Deren oft antithetische Form ist für die protestantische Bildkunst der Zeit kennzeichnend, und auch in Ostendorfers Altar ist zwar keine antithetische,  wohl aber eine typologische und mit Texten kommentierte "Lehrform" gewählt worden. Der protestantische Ursprung der Bildideen Ostendorfers, in seinen vorbereitenden Holzschnitten ebenso wie im Neupfarraltar selbst, steht außer Zweifel.

 

DIE THEOLOGISCHE BEDEUTUNG DES NEUPFARRALTARS

Worin besteht nun aber die protestantische "Lehre", die speziell der Regensburger Neupfarraltar seinen Betrachtern vermitteln sollte?

Die Grundidee des Ganzen ist die Darstellung der Bedeutung des Wortes Gottes für das lutherische Bekenntnis. Das drückt sich nicht allein darin aus, daß Bibelworte in den Schriftbändern zitiert werden (erst recht nicht in der Wiedergabe von Text überhaupt, die auch in der vorreformatorischen Bildproduktion durchaus verbreitet war [56]). Vielmehr wird auf mehrfache Weise bildlich der Weg veranschaulicht, den das Wort Gottes zu den Menschen nimmt [57], sowie die Begründung der beiden Sakramente Taufe und Abendmahl, deren Einsetzung durch Christus selbst in der Bibel verbürgt ist. Die Taufe wird in der spezifisch protestantischen Form der Kindertaufe gezeigt. Auf die Betonung des Weines in den Abendmahlsdarstellungen des Ostendorfer-Altars ist schon aufmerksam gemacht worden: Die Bilder bezeugen, dass die in der lutherischen Feier gepflegte Darreichung des Abendmahls in beiderlei Gestalt auf der Einsetzung von beidem, Brot und Wein, durch Christus gegründet ist [58].

Die damals noch zu den evangelischen Sakramenten gezählte Beichte ist zwar ebenfalls ein Thema des Altars (im Mittelbild), doch zeigt ihre der Predigt gleichgeordnete und von Taufe und Abendmahl gesonderte Stellung an, daß sie nicht gleichberechtigt neben diesen beiden gesehen wurde [59]. So wie die auf den Flügelinnenseiten dargebotene Reihung der Varianten des jeweiligen Sakramentes gleichsam die "historische" Entwicklung aufzeigt, deren Angelpunkt das Wirken Christi ist (gezeigt im jeweiligen Mittelbild), so umfassen die Szenerien des geschlossenen Altars die Spannweite vom Lebens- und Leidensweg des menschgewordenen Christus bis zum Ende der Zeiten, wenn er als Weltenrichter wie- derkehrt.

Die evangelische Botschaft des Altares lautet: Der Schrecken des sündhaften Menschen vor Gottes Strafe (Rückseite) ist überwunden durch das Leiden Christi (Geschlossene Vorderseite) und - nun wesentlich evangelisch - diese Gnade kann nur durch den Glauben an das Heilsgeschehen erfahren werden, nicht durch eigene Leistungen welcher Art auch immer. Dieser Glaube aber kann seinerseits nur erzeugt und bestärkt werden durch die Verkündigung, durch das Wort Gottes und seine Vermittlung in Lektüre und Predigt (Mittelbild der Vorderseite). Diese machen den Menschen bußfertig und damit fähig, die Gnade Gottes anzunehmen ohne eigenes Verdienst. Ohne Verdienst wird der Mensch durch die Taufe in die Gemeinde aufgenommen; in der Feier des Abendmahls darf er sich der unverdienten Erlösung durch den Opfertod Christi vergewissern, indem er sich dessen erinnert (Vorderseiten Seitenflügel).

Für den protestantischen Charakter des Ostendorfer-Altars ist schließlich auch die Form des mehrfach in ihm auftretenden Themas der Dreieinigkeit bezeichnend, verkörpert durch die drei göttlichen Personen Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Auch sie entspricht einer Darstellung des Weges des Wortes Gottes zu den Menschen, und typisch dafür ist: In dieser evangelischen Formulierung fehlt Maria als Vermittlerin zwischen dem Gläubigen und Gott, wie sie noch in der Altarausstattung zu Zeiten der Regensburger Marienwallfahrt selbstverständlich war [60].

Vergleicht man unter diesem Aspekt Ostendorfers Mitteltafel mit der möglichen Quelle, Raffaels Disputà, so ist der Bezug der trinitarischen Achse auf den darunterliegenden Altartisch in beiden Bildern gegeben, wenn dieser Tisch auch bei Raffael nur gemalt war, während er bei Ostendorfer real unter dem Bild stand. Das Trinitätsmotiv in der Mitteltafel des Neupfarraltars hat seine Rechtfertigung an dieser Stelle nicht nur in den Worten des Missionsbefehls, der ja im Bild dargestellt ist, sondern auch in der Funktion dieses realen Altartisches bei der Austeilung des evangelischen Abendmahles an die Gemeinde, einer Zeremonie, die als "Abbild des Wortes ('pictura verbi')" verstanden wurde [61]. Für die protestantische Auffassung kennzeichnend ist auch das Fehlen der Fürbitter Maria und Johannes, die in der Disputà Christus begleiten; in der Tradition dieses Motivs kennzeichnen sie diesen als Weltenrichter. Bei Ostendorfer ist das Weltgerichtsthema auf die Rückseite der Mitteltafel verlegt, wo die Dreieinigkeit in Form dreier männlicher Gestalten erscheint. Christus wird also nicht von Fürbittern begleitet, sondern von den beiden anderen göttlichen Personen. Der protestantische Sinn dieses Fehlens der Fürbitter ist die lutherische Auffassung, daß der Sünder allein vor seinen Richter, vor die richtende Dreieinigkeit treten muß. Daran wurde der protestantische Gläubige gemahnt, wenn er im Vollzug der Abendmahlsfeier in der Neupfarrkirche um den Altar herumging und des Weltgerichtsbildes ansichtig wurde [62]. Während dieser Zeremonie feierte man das Gedächtnis des Opfertodes Christi. Darüber hinaus gab es nach lutherischer Lehre keine dauernde stoffliche Realpräsenz des Leibes Christi in der Gestalt der Hostie, so daß also weder Monstranz noch Tabernakel in Ostendorfers Altar Verwendung finden konnten. Nicht der Leib Christi blieb real präsent; "Was auf dem Altar zurückblieb und fortwährte, war die Belehrung durch das Retabel." [63]

"Das ikonographische Gesamtprogramm des Reformationsaltars ist als Allegorie auf den göttlichen Ursprung, die historische Weitergabe und die Vergegenwärtigung des göttlichen Wortes durch die Sakramente zu verstehen... die drei damals gültigen Sakramente der evangelischen Kirche: Taufe, Abendmahl und Beichte." [64]

 

DIE KÜNSTLERISCHE BEDEUTUNG DES NEUPFARRALTARS

Die Wortlastigkeit, die Lehrhaftigkeit der evangelischen Grundhaltung hatte auf die für protestantische Zwecke entstehenden Bildwerke große Auswirkungen: sie prägten deren Erscheinungsbild. Wo die Bildmacht verpönt war, mußte das Bild eine Entsinnlichung erfahren. Es gibt so etwas wie Reformationskunst [65], und es läßt sich unzweifelhaft eine Tendenz zur Abstraktion, ein "Primat des Wortes über das Bild, des Geistes über das Fleisch" in den Bildern protestantischer Thematik feststellen [66]. Das reformierte Bild spricht also - wo es denn erlaubt ist - eher den Verstand als die Sinne an. Der nun entstehende Gegensatz von schwelgender Bild-Sinnlichkeit auf der einen (katholischen), von karger Wort-Vernunft auf der anderen (evangelischen) Seite, läßt sich - nach einer interessanten und nicht unumstrittenen These W. Hofmanns [67] - weit über den engen Bereich religiöser Bilder hinaus in der Geschichte der europäischen Kunst bis in die Gegenwart verfolgen. Danach herrscht bis heute in vorwiegend protestantischen Gegenden Europas eine "von Bilderangst geprägte Phantasieabstinenz", während in katholischen Bereichen "Einbildungskraft und Bildzauber" zu ihrem Recht kommen; "Im Ausstrahlungsbereich der römischen Kirche soll das Bild Sinne und Empfinden fesseln, kurz: überwältigen, bei den Protestanten soll es überzeugen. Faszination steht gegen Argumentation. Dort sucht die Gläubigkeit das Außer-sich-sein, hier geht sie in sich. Dort das schwärmerische Feuer der Exaltation, hier das stille Licht der lehrenden und lernenden Nachdenklichkeit." [68]

Mit der Ablehnung des Kultwertes der Bilder, der Entfernung der Bilder aus dem Zusammenhang religiöser Verehrung, wird ihrem Kunstcharakter vermehrte Aufmerksamkeit zuteil, das Bild verwandelt sich vom Kultbild zum Kunstwerk. Unter diesem neuen Gesichtspunkt, der ästhetisch orientierten Betrachtungsweise, schneiden die reformatorischen Arbeiten nun allerdings meist schlechter ab als etwa die sinnenbetörenden "Inszenierungen" des Katholizismus [69].

Unabhängig von der damit angesprochenden folgenden Entwicklung gilt für die Entstehungszeit des Altars, daß man anhand dieser Charakterisierungen Ostendorfers Reformationsaltar eindeutig zur typisch protestantischen Seite schlagen muß. Das stilistisch "Trockene", das wenig Sinnlich-Schwelgerische des Neupfarraltars ist somit nicht nur eine mögliche Eigenart des persönlichen Altersstils Ostendorfers [70], sondern auch eine charakteristische Folge seines protestantischen Kontextes.

Es fehlen dem Ostendorfer-Altar Phantasie, Faszination, Zauber, Schmelz - er hat schon auch etwas Fades und Starres an sich. Im Kompositorischen ist der Altar streckenweise unbeholfen; die Bildzonen der rückwärtigen Mitteltafel etwa sind einfach übereinandergereiht, ohne eine gestalterische Einheit zu finden. Wo die Symmetrie als "Würdeform" ihre inhaltliche Berechtigung hat, stellt sie gestalterisch doch auch ein Moment der Langeweile dar. Die Figurendarstellung Ostendorfers ist nicht immer geschickt; so stört etwa die auffällige Betonung der etwas zu groß geratenen Füße der Apostel (womit wohl kaum absichtlich deren künftige Missionsreisen symbolisiert sein sollten). Auch die Ausschnittwahl der einzelnen Szenen ist immer etwas zu eng geraten. Die Gemeinde auf der vorderen Mitteltafel wird von dem Trenngesims zum oberen Bild beinah erdrückt, und auch die Ausschnitte der Architekturhintergründe in den Seitentafeln sind nicht immer glücklich gewählt. Im Landschaftlichen sind die Charakteristika der Donauschule zu spüren, doch ist auch hier die für deren Hauptmeister Altdorfer und Huber typische enge Integration des Geschehens in die Landschaft nur ansatzweise vorhanden.

Dazu kommt, daß es heute nicht leicht ist, den ursprünglichen Bestand von den späteren Überarbeitungen zu scheiden, was insbesondere das weit überzeugendere Erscheinungsbild der Vorderseite betrifft. Dort sind die Formen, besonders die der Gesichter, nicht so verwaschen wie auf den rückwärtigen Tafeln; aber diese "Verbesserung" stammt offensichtlich nicht von Ostendorfers Hand [71].

Dennoch nimmt der Neupfarraltar durchaus innerhalb der evangelischen Bildwerke eine Sonderstellung ein. Er ist einer der wichtigen protestantischen Altäre und dazu der einzige im altbayerischen Raum überhaupt, von seiner Thematik her hier ganz singulär [72]. Im Gesamtwerk Ostendorfers - für den dieser Auftrag sicher eine große Ehre war - stellt der Altar den unbedingten Höhepunkt seines malerischen Schaffens dar. Im Vergleich mit dem charakterisierten Typus der protestantischen Lehrbilder gelingt ihm geradezu ein "künstlerisches Prunkstück" [73], das trotz seines didaktischen Charakters Geschlossenheit und Würde ausstrahlt. Es ist von Bildform und Argumentation her nicht so "verzettelt" wie viele der Cranach-Altäre, auch nicht so "theorielastig" wie diese. Während die polemisch-platten Kontraste der reformatorischen Flugschriften die typologische Tradition der altkirchlichen Bildprogrammatik eher parodieren als nachahmen, versucht Ostendorfer diese Tradition ernsthaft auf die protestantischen Bildaussagen seines Altars anzuwenden, auf eine straffe, fast monumentale Weise. Und er tut das mit einer Eindringlichkeit, die dem lutherischen Bekenntnis durchaus etwas von jener Selbstsicherheit verleihen konnte, die den Bildern der alten Kirche immer schon eigen war. Was dem Ostendorfer-Retabel jedoch fehlt, ist das Fiebrig-Expressive, das viele Gestaltungen seines Lehrers Altdorfer auszeichnet, und so dürfte die argumentative Kraft des Neupfarraltars ebenso rasch nachgelassen haben, wie seine künstlerische Verhaltenheit ihn unscheinbar werden ließ. Mit dem barocken Schwung und Schmelz der gegenreformatorischen Bildwelt kann er sich dann nicht mehr messen.

 

DER ALTAR ALS MUSEUMSSTÜCK

Die ihm zugedachte Rolle als mahnender, aber auch tröstender Mittelpunkt der Neupfarrkirche hat der Reformationsaltar nicht sehr lange spielen können. Warum er anfangs des 17. Jahrhunderts aus dem Gotteshaus wieder entfernt wurde, ist ungeklärt. Es könnte der Ausschluß der Beichte aus dem Kreis der Sakramente eine Rolle gespielt haben; vielleicht waren aber auch künstlerische Vorbehalte ausschlaggebend [74]. Über mehrere Zwischenstationen (Goldschmiedezunft, Königliche Bibliothek, Rathaus) kam das Werk schließlich 1840 als Schenkung in den Besitz des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg [75], der die mittlerweile beschädigten Tafeln leider unsachgemäß restaurieren ließ, indem die aufgeworfenen Farbschichten einfach fett übermalt und die Konturen dick nachgezogen wurden; nur die Rückseite blieb von diesen Eingriffen unbehelligt [76].

Als Leihgabe des Historischen Vereins gelangte der Altar schließlich in das Stadtmuseum Regensburg. Anläßlich des Luther-Jubiläums 1983 wurde er erneut restauriert und zur Ausstellung an das  Germanische Nationalmuseum Nürnberg ausgeliehen [77].

1992 stellte das Stadtmuseum Regensburg den Neupfarraltar Ostendorfers als einen der Mittelpunkte der Ausstellung zu Regensburgs 450-jährigem Reformations-Jubiläum heraus [78]. Dabei wurde der Versuch unternommen, den Altaraufbau durch eine blinde (unbemalte) Predella zu ergänzen (in Anlehnung an die neu aufgefundene Zeichnung Ostendorfers [79]). Der Altar wurde außerdem so frei in den Raum  gestellt, daß auch seine Rückseite zugänglich wurde, so wie es ehemals der Fall gewesen war, als die evangelische Gemeinde bei der Feier des Heiligen Abendmahls den Altar vollständig umschreiten konnte [80].

Heute steht der Flügelaltar Ostendorfers, eigentümlich frisch und präsent wirkend, im Stadtmuseum Regensburg, wo wir ihn, wenn auch seiner ursprünglichen, theologisch-didaktischen Funktion entkleidet, in seiner rein künstlerischen Gestalt betrachten können [81]. Und wie immer wir diese einschätzen mögen: Uns Angehörige des Ostendorfer-Gymnasiums wird der Neupfarraltar immer beeindrucken als bedeutendstes Zeugnis des malerischen Spätwerks unseres Namenspatrons.

 

 

ANMERKUNGEN

Namen in Großbuchstaben beziehen sich auf die Literaturliste. Ziffern ohne vorangestelltes "Nr.", "Anm." oder "Abb." sind Seitenzahlen.

 

[1]  Unter der Überschrift Ostendorferiana teilen wir in den Jahresberichten des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt in loser Folge Interessantes aus Leben und Werk Michael Ostendorfers mit, des Namenspatrons unserer Schule. Diesmal gilt der Aufsatz dem malerischen Hauptwerk des Künstlers.

[2]  Im Alltag waren - wie bei solchen Altären üblich - die Flügel geschlossen, zeigten also ihre Außenseiten und verdeckten das Mittelbild. Zu besonderen Anlässen wurden die Flügel geöffnet und flankierten dann mit ihrer jeweiligen Innenseite die Mitteltafel. Die bemalte Rückseite zeigte bei geschlossenem Zustand nur das rückwärtige Mittelbild, während dieses bei geöffnetem Zustand zwischen die Außenseiten der Flügel zu liegen kam. Deren Reihenfolge war dadurch dann (gegenüber der bei geschlossenem Zustand) vertauscht. - Zur Geschichte der Funktion des Flügelaltars als "Bühne des öffentlichen Bildes" siehe BELTING, 496 - 505.

[3]  Zur fragmentarischen Erhaltung des Altars siehe SCHMUCK, 92; auch KAT. NÜRNBERG, 400. Die wohl erste Beschreibung gab der Superintendent der Regensburger Evangelischen Gemeinde, Nicolaus Gallus (siehe Anm. 30), in seiner Kirchenordnung von 1567, die sowohl Beleg für das ursprüngliche Vorhandensein der nichterhaltenen Teile als auch für den theologischen Gehalt des Ganzen darstellt (SCHMUCK, 92). Darin wird auch der "Sarch" erwähnt (KAT. NÜRNBERG, 400), von dem auch Ostendorfer spricht (WYNEN, Urkunde Nr. 29); gemeint ist damit die Predella.
- Zum Rahmen, der hier nicht weiter interessieren soll, siehe WYNEN, 67.

[4]  Museum der Stadt Regensburg, Inv. Nr. HV 1430. Mischtechnik auf Holz. Mittelteil 136 x 146,5 cm; Flügel jeweils 136 x 86,5 cm. Bezeichnet mit dem Monogramm Ostendorfers auf allen Tafeln der Vorderseite und hinten auf der Kreuzigungstafel.
- Ausführlich beschrieben bei WYNEN, 64 - 81 und Kat. Nr. 18, neuerdings v. a. bei ROTHMEIER. Kurze Beschreibungen aber auch in KAT. MÜNCHEN, Nr. 10; KAT. NÜRNBERG, Nr. 539; KAT. REGENSBURG, Nr. 64; KAT. SULZBACH, Nr. 14; WAPPMANN, 31 f.; VOLKERT 1994, 48 f.; DISTLER, 3 ff.

[5]  Matth. 28,16 und Markus 16,15. Details zu den Bibelstellen hier und in den folgenden Zitaten bei ROTHMEIER, 80 f. Auch DISTLER zitiert in seinen Arbeitsblättern ausführlich die einschlägigen Schriftstellen.

[6]  Von den Jüngern sind Petrus und Johannes zu identifizieren (KAT. NÜRNBERG, 400). Nach WAPPMANN, 31, (im Anschluß an WYNEN) fehlt Judas, der durch Paulus ersetzt ist. Ob die Figurenstaffage des Hintergrundes wie genannt gedeutet werden muß, ist sicher fraglich (so tut es KAT. REGENSBURG, 273).

[7]  Das Zitat aus Lukas 9,35; die Darstellung meint aber das ganze Kapitel 9, besonders auch 9,2.

[8]  Markus 1,15; identisch mit der ersten der 95 Thesen Luthers. Das Motiv des erhöhten Kanzelredners ist häufig in den Holzschnittbildern der Reformationsschriften zu finden. Beispiele in KAT. HAMBURG, Nr. 51 B (Holbein), Nr. 68 (Georg Pencz [auch abgebildet in KAT. NÜRNBERG, Nr. 503]), Nr. 69 (Cranach d. J.) u. a.; auch unter Ostendorfers Holzschnitten zu Gallus (ROTHMEIER, 86, Abb. 5b). Nach KAT. REGENSBURG, 273, symbolisiert das Hineinragen des Predigers in die obere Szene dessen innere Verbindung mit den Aposteln.

[9]  Lukas 7,48. Zwei Verse später stehen in der Bibel die Worte Dein Glaube hat dir geholfen (Luk. 7,50), der "wesentliche[n] Grund der Sündenvergebung, der besondere Bedeutung in der evangelischen Rechtfertigungslehre erlangt hat" (ROTHMEIER, 81).

[10]  Laut KAT. REGENSBURG, 273, handelt es sich teilweise um Repräsentanten der Regensburger Oberschicht. Die durch die Mittelachse ausgezeichnete Person (vgl. ROTHMEIER, 80) scheint keine besondere Funktion zu haben, es sei denn, Porträtähnlichkeit hätte diese erklärt. Ob die Szene jemals auf die Porträtwiedergabe konkreter Regensburger Personen der Zeit hin untersucht worden ist, entzieht sich meiner Kennntis. WYNEN erörtert das Problem (69) und weist sogar auf die Möglichkeit einer versteckten Selbstdarstellung Ostendorfers hin (208, Anm. 30). In vielen Reformationsbildern sind jedenfalls Porträtfiguren von Zeitgenossen durchaus üblich (z. B. bei Cranach, vgl. TRAEGER 1983, 158, Abb. 27), in einem Altarbild aber auch erst seit der Reformation denkbar, was dessen Funktion als Schaubild bzw. als "Historienbild" der konkreten Gemeinde unterstreicht (dazu BELTING, 522; auch TRAEGER 1983, 138).

[11]  Sanduhren waren zu diesem Zweck damals üblich; man sieht sie auch auf einigen Holzschnitten der Zeit (Beispiele wieder KAT. HAMBURG, Nr. 51 B und Nr. 68). Auch Luther mahnt die Prediger, nicht zu weitschweifig und ausführlich zu reden.

[12]  Zum Typologischen allgemein und bei Luther und Cranach siehe TRAEGER 1983, 136 f.; KAT. SULZBACH, Nr. 14 nennt die drei Stufen dieser Darstellung in Anlehnung an WYNEN (78) "typologisch", "historisch" und" liturgisch"; KAT. REGENSBURG, 276, benennt sie als drei Zeitzonen "Ewigkeit, Geschichte und Gegenwart". WAPPMANN (31) spricht von "alttestamentliche[m] Vorbild, neutestamentliche[r] Einsetzung und gegenwärtige[r] Ausübung". - Nach WYNEN (78) ist Ostendorfer der erste Künstler, der eine solche dreistufige Darstellung wählt; sie ist ohne Vorbild.

[13]  Bibelstellen zum Beschneidungsritus bei ROTHMEIER (81) ohne Hinweis auf die Darbringung nach Luk. 2,22 ff. Welche Figur ggf. Simeon ist, bleibt unklar.

[14]  Nach Markus 1, 9 - 11.

[14a]  Nach DISTLER (4) war die Einnahme des Passahmahles in reisefertiger Kleidung vorgeschrieben.

[15]  Oder eines Diakons und eines Pfarrers (KAT. NÜRNBERG, 401). In dieser Form, in zweierlei Gestalt, ist das Abendmahl in Regensburg erstmals am 14. Oktober 1542 dargereicht worden (ROTHMEIER, 81; siehe auch WAPPMANN, 32; HAHN, 57 ff. (Zur Einführung der Reformation in Regensburg siehe auch ausführlich die anderen Beiträge in SCHWARZ).

[16]  Vgl. FRÜHINSFELD 1990, Abb. 7 und 8; KAT. HAMBURG, Nrn. 7 und 8.

[17]  Vgl. Anm. 2.

[18]  Es sind dies die drei Marien und Nikodemus, Joseph von Arimathia und Johannes.

[19]  Von WYNEN nicht beschrieben, da seinerzeit der Altar mit der Rückseite an der Wand stand (WYNEN, 74).

[20]  Hierzu TRAEGER 1992.

[21]  Vgl. KAT. REGENSBURG, 275.

[22]  Eine deutliche Seitenunterscheidung ist bei beiden Szenen nicht auszumachen (auch die rechten Figuren beten!). Vgl. dazu die traditionelle Unterscheidung, nach der die Erwählten links (zur Rechten Gottes), die Verdammten rechts angeordnet werden. Siehe TRAEGER 1983, 134; KAT. REGENSBURG, 275.

[23]  Es ist dies die einzige Stelle im ganzen Altar, an der antipapistische Züge erkennbar werden.

[24]  Vorbilder für das Höllentier finden sich z. B. im KAT. HAMBURG, Nrn. 41 (Cranach-Schule) und 69 (Georg Pencz). KAT. HAMBURG Nr. 63 ist identisch mit KAT. REGENSBURG, 107 und Nr. 67 (Hans Süß von Kulmbach?) und gibt einen Höllenschlund sehr ähnlich dem des Neupfarraltars. Das Blatt, der Titelholzschnitt zu "Ein nutzbarliches Büchlein", Nürnberg 1517, zeigt auch die Dreieinigkeit in drei gleichen Gestalten.

[25]  Siehe hierzu WYNEN, 64 - 66 und neuerdings v. a. SCHMUCK.

[26]  Zur Vorgeschichte der Neupfarrkirche, d. h. zur Marienwallfahrt von 1519/20, siehe FRÜHINSFELD 1990; KAT. HAMBURG, 132 - 135, Nrn. 5 - 8; KAT. REGENSBURG, Nrn. 9 - 27; WEINDL, passim; BELTING, 505 f.; VOLKERT 1983, 111. Die Säule wurde zerschlagen, der Altar mit Tüchern verhängt (TRAEGER 1992, 97, BELTING, 505 u. 509.)

[27]  Nicht schon, wie die ältere Literatur annimmt, 1553. Vgl. SCHMUCK, 89 f. und 90 f.

[28]  Zum Lebenslauf insgesamt WYNEN, 7 - 20; knapp ROTHMEIER, 79. Auch die Seiten 3 - 6 der Ostendorfer-Festschrift, FRÜHINSFELD 1990, sowie die Festrede FRÜHINSFELD 1991 geben seinen Lebenslauf wieder.

[29]  Zu Ostendorfers Protestantismus siehe FRÜHINSFELD 1990, 19 ff. ROTHMEIER (79) vermutet, daß Ostendorfer sich "auch aufgrund der Nachvollziehbarkeit seiner religiösen Gesinnung" für den Auftrag empfohlen habe.
- Zu den Gründen für den relativ späten Übertritt Regensburgs zur neuen Lehre siehe VOLKERT 1983, 116 ff., der (entgegen ROTHMEIER, 79) betont, daß für den Erwerb des Bürgerrechts protestantisches Bekenntnis nicht Voraussetzung gewesen sei (ebd., 120).

[30]  Zu Gallus siehe WYNEN 188 und 243, Anm. 314, zu den Schnitten 175 - 188 und Kat. Nrn. 149 - 154a. Weiter SCHMUCK, 90 ff.; KAT. REGENSBURG, Nrn. 77, 78 und 81.
- Die Datierung der Gallus-Schriften ist in der Literatur uneinheitlich, was wohl an der schwierigen Scheidung der Erst- von den Nachdrucken liegt.

[31]  Zur inhaltlichen Beschreibung des Altars im einzelnen und deren Parallelisierung mit den Katechismustexten des Gallus und den dazu von Ostendorfer geschaffenen Holzschnitten siehe ROTHMEIER, 81 ff. Zur "Vorwegnahme" der Komposition des Altares im Titelblatt des Katechismus ebd., 83 und 87, Abb. 6.; ein Ausschnitt davon auch bei DISTLER auf dem Titel; andere Blätter des Katechismus ROTHMEIER, 86, Abb. 5a und 5b.
- "Die Illustrationen der beiden Schriften [des Gallus] von 1547 und 1554 zeigen enge Bezüge untereinander und zum Altar der Neupfarrkirche." (SCHMUCK, 90; dazu weiter ebd., 94 (Anm. 16) sowie 92, wo sie vom "Ausdruck einer intensiven Zusammenarbeit zwischen dem Reformator [Gallus] und dem Künstler" spricht). WYNEN betont, daß Ostendorfers Schnitte zwar im Ikonographischen nicht eigenständig seien, wohl aber in den Bildideen (188); sie seien z. B. "in bemerkenswerter Unabhängigkeit von Luthers Katechismus-Illustrationen entstanden" (180).

[32]  WYNEN, 175.

[33]  Zu Tizian als möglicher Quelle WYNEN, 74 und 192.

[34]  Zu dieser These der Disputà als "Vorlage" siehe TRAEGER 1992, passim; zum Stich: 99.

[35]  Beispiele sind etwa Dürers Allerheiligenbild von 1511 (eine Dreifaltigkeitsdarstellung in Form des Gnadenstuhls) oder sein Heller-Altar; Enguerrand Quartons Marienkrönung von 1454; auch viele ältere Buchmalereien.

[36]  TRAEGER 1992, 98. Im Anschluß benennt TRAEGER auch Ähnlichkeiten in der durch Putten erfolgenden Schriftpräsentation und in den unteren Bildteilen der beiden Darstellungen, die mir jedoch etwas gesucht erscheinen.
- Daß dieses "katholische" Fresko einem protestantischen Bildentwurf zur Vorlage gedient haben konnte, begründet TRAEGER 1992, 99, damit, daß der Begeittext zum Stich die auf dem Altar deutlich sichtbare Monstranz nicht erwähnt. Natürlich fehlt die Monstranz bei Ostendorfer (vgl. den Haupttext vor Anm. 63).

[37]  WYNEN, Urkunden Nr. 26 - 32. Die Briefe sind teilweise im Original, zum anderen Teil nur in Abschriften des 19. Jahrhunderts überliefert.

[38]  WYNEN, 65 und Urkunde Nr. 27.

[39]  WYNEN (64) wundert sich, wieso Ostendorfer so viel Bedarf an Gold hatte (über 600 Blatt! Vgl. WYNEN, 213, Anm. 86), da neben den Heiligenscheinen und Gloriolen nur die Rahmenornamentik vergoldet ist. Hat er es gehortet? (Zum Gold im Datierungszusammenhang siehe SCHMUCK, 89).

[40]  Die auf den Tafeln angebrachten Vorzeichnungen enthielten bereits die wesentlichen Festlegungen der Komposition, als Ostendorfer sie zwei Regensburger Ratsherren zeigte (SCHMUCK, 89). Er hat sie danach nur unwesentlich korrigiert; der Beginn der Malarbeiten ist auf Frühjahr oder Frühsommer 1554 anzusetzen (ebd., 91). Dem Brief vom 24. Juli zufolge hatte Ostendorfer aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehr als den "Anfang meines Aufreißens" [ = Vorzeichnens] erledigt (WYNEN, Urkunde Nr. 27).

[41]  WYNEN, 67 und Urkunde Nr. 31. - SCHMUCK, 95 (Abb. 7) bildet eine vorher unbeachtet gebliebene Zeichnung Ostendorfers von der Rückseite seines Briefes vom 3. Mai 1555 ab, in der die Umrisse der bis dahin fertiggestellten Teile (Predella, Mitteltafel und Aufsatz) skizziert sind. (WYNEN gibt den Brieftext wieder, erwähnt aber die Zeichnung nicht). Die in Regensburg realisierte Rekonstruktion der Predella entspricht nur grob dieser Zeichnung!

[42]  Brief vom 29. Sept. 1555 (WYNEN, Urkunde Nr. 32).

[43]  Am auffälligsten im Mittelbild der Vorderseite, wo das Monogramm auf einem Stein direkt unter den Füßen Christi angebracht ist.

[44]  Zu Bilderfrage und Bildersturm in der Reformation siehe BELTING, 511 ff.; KAT. HAMBURG, 126 - 131, Nrn. 1 - 4, und 142 - 152, Nrn. 16 - 26; KAT. NÜRNBERG, Nr. 509 ff.; HOFMANN, 32 ff.; SCHUSTER, 115 f. und 128; TRAEGER 1983, 138. Quellentexte zu den verschiedenen Auffassungen der Reformatoren gibt BELTING im Anhang, 606 ff. (Texte Nr. 39 und 40). Zur langen Tradition der Bildkritik von Platon bis zu Ockham, der Luther unmittelbar beeinflußt hat, siehe HOFMANN, 39 - 46.

[45]  "Auf den Glauben an die Autorität des Bildes ließ Luther den Glauben an die Autorität des Wortes folgen." (HOFMANN, 34). Zur Wortbetonung im Protestantismus siehe das Kapitel "Bild und Wort in der neuen Lehre" bei BELTING, 517 ff. und die Quellentexte Luthers im dortigen Anhang 608 f. (Texte Nr. 40). Dort liest man auch (517): "Das Christentum war immer Wortverkündigung gewesen ... jetzt aber wird das Wort monopolisiert und auratisiert wie nie zuvor." HOFMANN (48) spricht vom "Wortfetischismus", der aus der Religion Philologie gemacht habe (Kritik Nietzsches). Luther betont, "Das Reich Gottes ist ein Hör-Reich, nicht ein Seh-Reich" (HOFMANN, 35; BELTING, 518; dazu auch andere Lutherzitate ebd. im Anhang und bei MÖSENEDER 1983, 174; zum gesprochenen und gemalten Wort als Kirchenschmuck, ebd. 190 ff.
- Luthers Betonung des Wortes geht so weit, daß er sogar auf den Kirchenbau verzichten kann (HOFMANN, 30; TRAEGER 1983, 140; MÖSENEDER 1983, 172 ff.): Der lutherische Christ braucht kein Gotteshaus, um mit seinem Gott in Beziehung zu treten; das Wort Gottes ist überall vernehmbar (MÖSENEDER 1994, 175).

[46]  So lautet der Untertitel von BELTINGs Buch. Vgl. auch ebd., 511.

[47]  Vgl. BELTING, 166 f.; HOFMANN, 42 f. Beispiele für die Verehrung christlicher Bilder gibt KAT. HAMBURG, 136 - 141, Nrn. 9 - 15.

[48]  Vgl. FRÜHINSFELD 1990, 13; BELTING, 505.

[49]  Siehe BELTING, 515; TRAEGER 1983, 138; KOEPPLIN, 75 u. 83. Das gleiche gilt auch für das Verdienst der Stiftung von Kirchenbauten (MÖSENEDER 1983, 173).

[50]  Vgl. TRAEGER 1983, 138 f. Diese Haltung des Reformators zur Bilderstiftung hatte spürbare Folgen. Durch die liturgische Reform wurde die Vielzahl von Nebenaltären für Heilige und Patrone überflüssig, die bislang ein beinah unerschöpfliches Betätigungsfeld für die Maler und Bildhauer, die Schreiner und Goldschmiede gebildet hatten. Das Ausbleiben solcher frommer Stiftungen in den evangelischen Gemeindekirchen führte daher zu Klagen der Künstler und Handwerker über ihre zunehmende Brotlosigkeit; auch Ostendorfer wußte davon ein Lied zu singen. (Vgl. SCHUSTER, 129 f.; BELTING, 517).

[51]  Luther, zit. nach KOEPPLIN, 82; auch HOFFMANN, 27, Anm. 7.

[52]  Siehe dazu die Abschnitte "Protestantische Themen" (204 - 248) und "Verbotene Bilder" (249 - 266) in KAT. HAMBURG. Eine gute, knappe Zusammenfassung zur Bildauffassung Luthers findet sich auch ebd., 267.

[53]  Zur Rolle der deutschen Sprache in den ersten evangelischen Gottesdiensten siehe HAHN, 60 ff.
- Zum Aspekt der "Agitation" vgl. den gleichlautenden Abschnitt bei SCHUSTER, 117 ff.; dort auch zum Problem der Vieldeutigkeit der Bilder. Auf Seite 122 verweist er darauf, daß die protestantische Agitationskunst vielfach Zitatkunst sei, die "... weniger neue Bilder schafft als alte uminterpretiert." Man beachte auch die Hinweise bei KOEPPLIN, 86 f., auf die Sinnänderung identischer Bilder durch Änderung der beigegebenen Texte im evangelischen Sinne.
- Zu den für und wider streitenden Pamphleten der Reformationszeit siehe die vielen Beispiele im Abschnitt "Kunst als Waffe" in KAT. HAMBURG, 152-203, Nrn. 27 - 78, sowie SCHUSTER, 117 (auch ebd., 122, zur Ästhetik des Häßlichen im Dienste der Agitation) und TRAEGER 1983, 133 ff.; Kapitel VIII in KAT. NÜRNBERG, 219 - 254.

[54]  Der kuriose Dinkelsbühler Altar, dessen Hauptbild nur Schriftzeilen zeigt, ist eine diese Grundtendenz überpointierende Besonderheit. Siehe KAT. NÜRNBERG, Nr. 540; SCHUSTER, 116 (Abb. 3); MÖSENEDER 1983, 191 und 243 (Abb. 67); BELTING, 514 (Abb. 280) und 520.

[55]  So zeigt z.B. Cranachs in mehreren Fassungen vorhandene Darstellung (man könnte fast sagen, "Erörterung") des Themas Gesetz und Gnade diese Tendenz zur  Gegenüberstellung und zur Textkommentierung der im übrigen etwas trocken und blutleer dargestellten Bildszenen (SCHUSTER, 117 und KAT. HAMBURG, 210 - 216, Nrn. 84 - 89; KAT. NÜRNBERG, Nrn. 474 und 538. Hierzu auch KOEPPLIN, 84 f. und die ausführliche Erörterung bei BELTING, 520 ff.). Ein typisch antithetisches Pamphlet ist Cranachs Passional Christi und Antichristi von 1521 (TRAEGER 1983, 133 ff. u. 136 f.; KAT. HAMBURG, 178, Nrn. 50 A und B).
- Auch der älteste protestantische Gemäldezyklus in der Schloßkapelle in Neuburg a. d. Donau (1543) zeigt den präfigurierenden Verweis seiner alttestamentlichen Thematik auf die Themen Taufe, Abendmahl und Erlösung, die zum Kern der lutherischen Lehre gehören. (TRAEGER 1983, 139).

[56]  Siehe die Bildbeispiele im Kapitel II des KAT. NÜRNBERG, 41 ff.

[57]  Vgl. KAT NÜRNBERG, 400; KAT. REGENSBURG, 273.

[58]  Die unterschiedliche Auslegung der Einsetzung des Abendmahls hat in den Reformations-Auseinandersetzungen eine erhebliche, wenn nicht die zentrale Rolle gespielt und nicht nur zur Abtrennung der Lutheraner von den Katholiken, sondern auch jener von den Calvinisten und den Zwinglianern geführt (siehe dazu z. B. VOLKERT 1983, 110; VOLKERT 1994, 30 und 33; KAT. NÜRNBERG, Nrn. 526 - 537; BELTING, 518 f.

[59]  Luthers Haltung zur Beichte als Sakrament war unentschieden. Der Beichte fehlte das äußere Zeichen (WAPPMANN, 31), was schließlich zu ihrer Ausscheidung aus dem Kreis der evangelischen Sakramente führte. DISTLER (4) spricht daher davon, das Mittelbild des Neupfarraltars zeige das "hörbare", die Seitentafeln zeigten das "sichtbare" Wort Gottes. Das Bußsakrament wurde schon im 17. Jhd. durch die Gemeinschaftsbeichte ohne Sakramentcharakter ersetzt, doch wurde trotz dieser Einschränkung auch die Privatbeichte bis Ende des 19. Jhds. gepflegt (KAT. MÜNCHEN, 10).

[60]  Hierzu TRAEGER 1992, 97, der von der Ausscheidung Mariens aus der trinitarischen Achse spricht, und anfügt: "Marianische Anziehung wich christologischer Ausstrahlung, die Liebe der Gottesmutter der Ratio, die Verehrung des Bildes einer Belehrung durch das Bild." Zur Ausscheidung der vermittelnden Maria siehe auch KOEPPLIN, 76.

[61]  TRAEGER 1992, 100.

[62]  Laut Gallus (KAT. NÜRNBERG, 402; ROTHMEIER, 83). Nach KAT. SULZBACH, Nr. 14, war es in der zweiten Hälfte des 16. Jhds. noch üblich, die Beichte hinter dem Altar abzulegen.

[63]  Das Zitat und die vorausgegangenen Ausführungen TRAEGER 1992, 100.

[64]  KAT. REGENSBURG, 275 f. Schon in der evangelischen Kirchenordnung für die "neue Pfarre" des Gallus von 1567 wird betont, daß "darin [im Ostendorfer-Altar] die summa der evangelischen predigten altes und neues testament zu sehen" sei (zit. nach VOLKERT 1994, 51). Daß die klare Gestalt des Ostendorfer-Altars auch noch heute ihre didaktischen Vorzüge hat, zeigt das darauf aufgebaute Unterrichtsprojekt von DISTLER.

[65]  ... wenn schon keine Reformationskünstler (vgl. SCHUSTER, 115, der darauf verweist, wie häufig Künstler der Zeit gleichzeitig oder abwechselnd für protestantische und katholische Aufträge gearbeitet haben).

[66]  Siehe den Abschnitt "Abstraktion" bei SCHUSTER, 115 f. Dazu gehört - und das gerade in dem Augenblick, in dem die bildenden Künste den Höhepunkt der täuschenden Naturwiedergabe erreicht haben (SCHUSTER, 116; HOFMANN, 38) - auch die Bevorzugung der schwarz-weißen Binnenzeichnung gegenüber der Kolorierung in den Holzschnitten Dürers (vgl. das "Dürerlob" des Erasmus, SCHUSTER, 116) und der Verzicht auf die farbige Fassung bei den Holzbildschnitzern als "protestantische Ablehnung des Augentrugs" (SCHUSTER, 121). Dabei geht es um einen Wahrheitsanspruch, der sich eben nicht in der Naturtreue erschöpfen soll.
- HOFMANN (23) bezieht diesen Sieg des Wortes über das Bild auch auf die sich jetzt entwickelnde Wirkungsgeschichte der Kunst als einer Geschichte der Worturteile über sie: "Bilder müssen sich der Befragung stellen und bekommen Antworten angeheftet. Waren sie früher wehrlos gegenüber ihren Anbetern oder Zerstörern, sind sie es jetzt vor ihren Interpreten."

[67]  HOFMANN, passim.

[68]  HOFMANN, 56 (Hervorhebungen im Original).

[69]  SCHUSTER, 130. BELTING (510) betont, daß in der Folge auch im katholischen Bereich das Bild sich seiner "Verwandlung zum Kunstwerk" nicht entziehen konnte, obwohl man dort an seiner Verehrung festgehalten hatte. Auf Seite 523 formuliert BELTING bündig: "Als die Bilder ins Zwielicht gerieten, wurden sie als Werke der Kunst gerechtfertigt." Und 524: "Zwischen den Polen der Naturnachahmung und der Imagination des Künstlers entfaltete sich das neue Bildverständnis als Kunstverständnis." (Hervorhebung im Original; siehe dazu auch die Quellentexte zum "Kunstcharakter des Bildes bei den Zeitgenossen der Reformation", ebd., 613 ff. = Texte Nr. 42). HOFMANN (46) meint ausgreifend, mit Luthers Freibrief "Bilder sind weder gut noch böse, man kann sie haben oder nicht haben" beginne die künstlerische Moderne.
- KOEPPLIN (76) deutet Luther so, daß er sich zugunsten von Bildern ohne Bildermacht ausspreche, also "zu schlichten, ja harmlosen Bildern" rate, und fügt an: "Solche Harmlosigkeit gab aber der künstlerischen Intensität nicht die besten Chancen." Das empfand schon Erasmus von Rotterdam als die "lutherana tragoedia artis" (zit. nach MÖSENEDER 1983, 191). TRAEGER 1983,
139, spricht von der "ästhetischen Verarmung" der Bildkünste als Folge der Reformation. Er sieht sie allerdings "aufgewogen durch einen langfristigen historischen Prozeß der Verinnerlichung und Vergeistigung", dessen Früchte der Aufschwung der Musik und der deutschen Literatur und Philosophie im 18. und 19. Jhd. seien, deren führende Komponisten und Autoren Protestanten waren.

[70]  WYNEN, 194, spricht von "nüchterner Trockenheit seiner [Ostendorfers] Spätzeit, die sich in der rationaleren Bildung der menschlichen Gestalten beim Reformationsaltar ... besonders bemerkbar macht."

[71]  Es fehlen bis heute kunstwissenschaftliche Untersuchungen zum Bestand des Werkes; erste Ansätze werden seit kurzer Zeit von Mitarbeitern des Stadtmuseums Regensburg verfolgt.
- WYNENs Urteil über den Altar fällt hart aus: Er "enttäuscht alle Erwartungen, die man nach seinen [Ostendorfers] Briefen über dieses - nach seinen eigenen Worten - so mit [= mit so] viel Fleiß gearbeitete und nach keines anderen Meisters Hand kopierte Malwerk hegen muß." (WYNEN, 74 f.). "Es fehlt überall die Feinheit Altdorfers" (ebd., 75). Doch gegenüber Cranach beurteilt er ihn dann positiver: "Ostendorfer legte mehr Sorgfalt in die klare Gliederung und in die sehr überlegte Gesamtwirkung des Aktares [= Altares], die seine künstlerisch-eigene Leistung ist" (ebd., 76). Schließlich konzediert WYNEN dem Künstler, daß möglicherweise dessen Erregung "von dem Auftrag und dessen Ausführung... zu einer Erstarrung seines künstlerischen Gestaltungsvermögens führte" (ebd., 79).

[72]  Er ist zu einem "im altbayerischen Kunstraum einzigartigen protestantischen 'Rechtfertigungsbild' " geraten (WYNEN, 66). Man wird ihm "immer... BEachtung [sic] widmen..., weil hier... in Bayern etwas Neues, protestantisch theologische Überlegungen, zu Bilde gebracht wurden" (WYNEN, 202). Und: "Im bayerischen Raum war Ostendorfer der einzige, der sich mit protestantischen Lehrbildern beschäftigte." (WYNEN, 193).

[73]  KOEPPLIN, 76.

[74]  Er wurde damals durch die heute noch vorhandene Kreuzabnahme von Johann Hermann Wiwernitz (1622 - 1664) ersetzt (WYNEN, 213, Anm. 87; SCHMUCK, 92; KAT. REGENSBURG, 279).

[75]  SCHMUCK, 92; KAT. SULZBACH, Nr. 14.

[76]  KAT. REGENSBURG, 273; SCHMUCK, 92; WYNEN, 65 f.

[77]  KAT. NÜRNBERG, Nr. 539. Es liegt leider kein Restaurierungsbericht darüber vor (Auskunft des Stadtmuseums Regensburg). Auch die neueren Infrarotuntersuchungen (SCHMUCK, 93, Anm. 11) sind noch unpubliziert.

[78]  Aus diesem Anlaß ist der KAT. REGENSBURG erschienen.

[79]  Vgl. Anm. 41.

[80]  Wie Anm. 62.

[81]  Heute ist der Neupfarraltar im seit 1995 neugestalteten Ambiente des Regensburger Stadtmuseums erneut so aufgestellt, daß beide Seiten betrachtet werden können. Allen Interessierten sei das Studium des Originals empfohlen, da die beigegebenen Abbildungen naturgemäß nur einen schwachen Eindruck von dem Werk vermitteln können. Für die Erlaubnis zur Wiedergabe der Fotos danke ich dem Stadtmuseum Regensburg sehr herzlich.
- Farbige Abbildungen aller Altartafeln finden sich auf den Farbtafeln 10 - 15 des KAT. REGENSBURG, von der Vorderseite auch bei DISTLER; das Teilbild des Abendmahls in beiderlei Gestalt ziert (in Farbe) den Titel von SCHWARZ.

 

 

LITERATUR

 

BELTING

Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. München 1993 (unverä. Nachdruck der 2. Aufl. von 1991).

BUNGERT

Hans Bungert (Hrsg.): Martin Luther. Eine Spiritualität und ihre Folgen. Vortragsreihe der Universität Regensburg zum Lutherjahr 1983. (Schriftenreihe der Universität Regensburg, Bd. 9). Regensburg 1983.

DISTLER

Ulrich Distler: Christus - Mittelpunkt des Glaubens. Wesensmerkmale evangelischen Gottesdienstes dargestellt am Altarretabel Michael Ostendorfers in der Neupfarrkirche zu Regensburg. Unterrichtsprogramm Geschichte/Religionslehre. Heilsbronn 1984. 

FRÜHINSFELD 1990

Gert Frühinsfeld: Michael Ostendorfer und die Wallfahrt zur "Schönen Maria" von Regensburg. In: Michael Ostendorfer zum 500. Geburtstag. Festschrift zu Ehren des Namenspatrons der Schule, herausgegeben von der Schulleitung und dem Verein der Freunde des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i. d. OPf. im November 1990, 7 - 32.

FRÜHINSFELD 1991

Gert Frühinsfeld: Ostendorferiana (I). Auszug aus dem Festvortrag zur Ostendorfer-Jubiläumsfeier am 31. Januar 1991. In: Jahresbericht 90/91 des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i. d. OPf., Neumarkt 1991, 9 - 17.

HAHN

Gerhard Hahn: Luthers Reform des Gottesdienstes und die Anfänge des evangelischen gottesdienstlichen Lebens in Regensburg. In: SCHWARZ, 54 - 65.

HOFMANN

Werner Hofmann: Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion. In: KAT. HAMBURG, 23 - 71.

KAT. HAMBURG

Luther und die Folgen für die Kunst. Katalog zur Ausstellung der Hamburger Kunsthalle 11. November 1983 - 8. Januar 1984, hrsgg. von Werner Hofmann. München 1983.

KAT. MÜNCHEN

Wittelsbach und Bayern. Bd. II/2: Um Glaube und Reich - Kurfürst Maximilian I. Katalog der Ausstellung in der Residenz in München 12. Juni - 5. Oktober 1980. München 1980.

KAT. NÜRNBERG

Martin Luther und die Reformation in Deutschland. Ausstellung zum 500. Geburtstag Martin Luthers, Veranstaltet vom Germanischen Nationalmuseum Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem Verein für Reformationsgeschichte. Frankfurt am Main 1983.

KAT. REGENSBURG

450 Jahre Evangelische Kirche in Regensburg 1542 - 1992. Eine Ausstellung der Museen der Stadt Regensburg in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Regensburg. Museum der Stadt Regensburg, 15. Oktober 1992 - 19. Januar 1993. Regensburg 1992.

KAT. SULZBACH

450 Jahre Reformation im Fürstentum Sulzbach. Hg. Stadtmuseum Sulzbach Rosenberg. Amberg 1992.

KOEPPLIN

Dieter Koepplin: Kommet her zu mir alle. Das tröstliche Bild des Gekreuzigten nach dem Verständnis Luthers. In: Martin Luther und die Reformation in Deutschland. Vorträge zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 1983, hrsgg. von Kurt Löcher (= Wissenschaftl. Beibände zum Anzeiger des Germanischen-National-Museums, Bd. 8; zugleich Bd. 194 der Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte). Nürnberg 1988, 75 - 96.

MÖSENEDER 1983

Karl Möseneder: Die Dreieinigkeitskirche in Regensburg. Ein protestantischer Kirchenbau. In: BUNGERT, 171 - 255.

MÖSENEDER 1994

Karl Möseneder: Das Haus der Ecclesia. Zwischen biblischer Metaphorik und Kunsttradition. In: SCHWARZ, 166 - 185.

ROTHMEIER

Susanne Rothmeier: Michael Ostendorfers Altar für die Neupfarrkirche. In: KAT. REGENSBURG, 79 - 87.

SCHMUCK

Carolin Schmuck: Neues zur Entstehung von Ostendorfers Reformationsaltar. In: KAT. REGENSBURG, 89 - 95.

SCHUSTER

Peter-Klaus Schuster: Abstraktion, Agitation und Einfühlung. Formen protestantischer Kunst im 16. Jahrhundert. In: KAT. HAMBURG, 115 - 125.

SCHWARZ

Hans Schwarz (Hrsg.): Reformation und Reichsstadt. Protestantisches Leben in Regensburg. (Schriftenreihe Universität Regensburg, hrsgg. von Helmut Altner, Neue Folge, Bd. 20). Regensburg 1994.

TRAEGER 1983

Jörg Traeger: Raffael, Luther und die römische Kirche. Zur Reformation der Bilder.  In: BUNGERT, 123 - 170.

TRAEGER 1992

Jörg Traeger: Die Dreieinigkeit über dem Altar. Ostendorfer und Raphael. In: KAT. REGENSBURG, 97 - 107.

VOLKERT 1983

Wilhelm Volkert: Luthers Reformation in den Reichsstädten Nürnberg und Regensburg. In: BUNGERT, 107 - 122.

VOLKERT 1994

Wilhelm Volkert: Die Entstehung des reichsstädtischen Kirchenregiments in Regensburg. In: SCHWARZ, 29 - 53.

WAPPMANN

Volker Wappmann: Reformatorischer Gottesdienst am Beispiel des Regensburger Ostendorfer-Altars. In: KAT. SULZBACH, 28 - 32.

WEINDL

Martin Weindl: Von der Wallfahrtskirche zur Schönen Maria zur protestantischen Neupfarrkirche. In: KAT. REGENSBURG, 51 - 58.

WYNEN

Arnulf Wynen: Michael Ostendorfer (um 1492 - 1559). Ein Regensburger Maler der Reformationszeit. Phil. Diss. Freiburg 1961.

  ___________________________________________________________________________________

©  1996-2003  Gert Frühinsfeld, Neumarkt i. d. OPf.       [ gertfr@web.de ]      Letzte Bearbeitung 09.10.2003