Michael Ostendorfer - Der Namenspatron des
Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i. d. OPf.
( OSTENDORFERIANA V )
Zwei Tatbestände waren Anlass dafür, den Maler, Zeichner und Buchillustrator Michael Ostendorfer (um 1490-1559) zum Namenspatron des "Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt" zu wählen.[1] Zum einen ist er vermutlich in der Nähe, nämlich in der Ortschaft Hemau im heutigen Landkreis Regensburg, geboren worden. Zum anderen hat er einige Jahre lang (1536-44) am Neumarkter Hof des damaligen Pfalzgrafen Friedrich II. als Hofmaler gewirkt.[2]
Ostendorfers Geburtsjahr ist nicht genau bekannt; es liegt um 1490, spätestens 1494. Erstmals kennt man Werke von ihm aus dem Umkreis der sogenannten "Donauschule", deren Hauptmeister, der Regensburger Maler und Baumeister Albrecht Altdorfer (um 1480-1538), wohl sein Lehrer ist. Auch mit dem Werk Lukas Cranachs d. Ä. (1472-1553) kommt Ostendorfer in Berührung, möglicherweise auf einer mit Altdorfer 1511 unternommenen Reise donauabwärts bis Passau.
Ostendorfer tritt für uns erst als Dreißigjähriger künstlerisch in Erscheinung, dann aber gleich mit bemerkenswerten Arbeiten, nämlich mit großen Einblatt-Holzschnitten und Buchillustrationen zu der 1519/20 in Regensburg Aufsehen erregenden "Wallfahrt zur Schönen Maria". Man widmet ihr zunächst eine Holzkapelle und schließlich einen steinernen Bau, der - unvollendet und später der evangelischen Gemeinde überlassen - als "Neupfarrkirche" in Regensburg überdauert. Beide Bauwerke stellt Ostendorfer dar und deutet dabei auch seine skeptische Haltung zu den hysterischen Auswüchsen dieser Wallfahrt an, die er im Bilde festhält. [3]
In diesem Zusammenhang ist Ostendorfer auch urkundlich als verheirateter Meister und Bürger in Regensburg nachgewiesen; seine Ehefrau ist die Kürschnerstochter Anna Wechin. Er arbeitet in den 20er und 30er Jahren erfolgreich als Holzschneider für Schriften von Autoren, die zur damaligen Gelehrten-Elite der Umgebung gehören - wie etwa für Peter Apian oder für Aventinus - , besonders aber auch für die protestantischen Kreise (und ihre Drucker) in Regensburg; offenbar neigt sich Ostendorfer zunehmend dieser Konfession zu. Sein ganzes Leben lang wird er als Zeichner für Holzschnitt-Illustrationen tätig sein.
Ab 1530 steigert sich seine vorher nur geringfügige Gemäldeproduktion, wir finden ihn als Maler religiöser oder antik-heidnischer Themen (Altäre, "Judith"- und "Lukretia"-Darstellungen), aber auch als durchaus qualitätvollen Porträtisten höhergestellter Persönlichkeiten. 1534 nimmt er, wie man vermutet, an einer Reise des Pfalzgrafen Friedrich II. nach Wien teil; es entstehen jedenfalls Holzschnitte zum "Türkenkrieg". Im selben Jahr (und vielleicht im Zusammenhang mit diesen Werken) erhält der Maler von Kaiser Karl V. als Auszeichnung einen Wappenbrief, d. h. das Recht, ein eigenes Wappen zu führen, was Ostendorfer fortan auch voller Stolz tut.
1536 zieht Pfalzgraf Friedrich mit seiner ihm im Jahr zuvor angetrauten Gattin und mit seinem Hof ins Neumarkter Schloß ein, und im selben Jahr ist Michael Ostendorfer als Hausbesitzer in Neumarkt urkundlich belegt. Etwa gleichzeitig scheint der Künstler in den Hofdienst Friedrichs einzutreten; schriftlich dokumentiert ist seine Rolle als Hofmaler erst für 1539. Er übt diese Funktion - neben anderen Malern - dann wohl bis 1544 aus; das Schloß hat, nach dem Brand von 1520 immer noch im Wiederaufbau begriffen, großen Bedarf an künstlerischer Ausstattung. 1540 verkauft Ostendorfer sein (1528 erworbenes) Regensburger Haus; offenbar glaubt er sich im Hofdienst dauerhaft etabliert.
Leider sind aus der Hofmaler-Zeit des Künstlers kaum Werke seiner Hand überkommen; es gibt allerdings Inventare dazu, aus denen hervorgeht, daß er in diesen Jahren vor allem höfische Porträts fertigt. Zumindest in einer Kopie erhalten ist das "Doppelporträt des Pfalzgrafen Friedrich und seiner Gattin Dorothea" von 1540, im Original das des "Herzogs Albrecht V. von Bayern" von 1543. Es gibt weiterhin religiöse Gemälde (z. B. "Adam und Eva" 1539, "Apokalypse" 1543), und auch für die Buchillustration ist Ostendorfer nach wie vor eifrig tätig, etwa für Apians "Astronomicum Caesareum", ein Prachtwerk der damaligen Wissenschaftsliteratur (Ingolstadt 1540). In diesen Neumarkter Jahren hält sich Ostendorfer auch einmal kurz in Amberg auf, wo er von einem Turm aus ein (nicht erhaltenes) "Panorama der Stadt" malt (1537, vielleicht auch erst 1544 zu datieren). Auch ein Aufenthalt in Heidelberg ist denkbar, u. a. wegen seines großen, prächtigen Holzschnittes von einer "Jagd im Lörser Wald" (1543).
Friedrich II. verlegt 1543 seinen Hof nach Amberg; kurz darauf - nachdem er 1544 zum Kurfürst ernannt worden ist - zieht er mit ihm weiter nach Heidelberg. Der Maler folgt seinem Herrn noch beim ersten Ortswechsel; er ist also für kurze Zeit auch Hofmaler in Amberg, wird dort aber nicht eingebürgert. Nach Heidelberg scheint er Friedrich dann nicht mehr zu folgen, obgleich auch dies möglich ist; jedenfalls verliert sich Ostendorfers Spur in der zweiten Hälfte der 40er Jahre. Wo er sich zwischen 1545 und 1549 aufhält, ist unbekannt; doch erledigt er in diesen Jahren eine Vielzahl von Auftragsarbeiten vor allem für Drucker in Nürnberg (er muß deshalb nicht selbst dort gewesen sein). Es sind Holzschnitte, die wiederum vor allem "Fürstenporträts" zeigen, ein Sujet, für das der Künstler offenbar gefragt ist; auch der bekannte Bildnisschnitt des "Hans Sachs" entsteht in dieser Zeit (1545).[4]
1549 hören wir wieder von Ostendorfer: Er erwirbt erneut das Regensburger Bürgerrecht, das er als junger Meister schon einmal innegehabt hat; er sucht in der seit 1542 protestantischen Stadt seine Chance. Doch fortan geht es ihm immer schlechter. Die Auftragslage für den Künstler ist denkbar ungünstig: die Evangelische Kirche hat keinen größeren Bedarf an Kunstwerken; der katholische Bischof mag vielleicht nicht von ihm, dem Protestanten, arbeiten lassen. Auch gibt es zwischen 1547 und 1552 keinen Drucker in Regensburg, der ihn hätte beschäftigen können. Der Stadtmagistrat hat kein Geld für größere profane Aufträge; nur ein paar Dekorationsarbeiten an den neuen Brunnen werden Ostendorfer anvertraut, mit denen er sich über Wasser hält.
Auch privates Unglück ist ihm beschieden: Es sterben zwei seiner Kinder, dann auch seine Ehefrau. Um eine seiner Töchter verheiraten zu können, muss er Schulden machen. 1551 heiratet Ostendorfer selbst ein zweites Mal, wobei er offenbar einen Missgriff tut; von der "liederlichen" Frau, die seinem Ruf und seinem Geldbeutel schadet, wird er sich vier Jahre später wieder trennen.
In den 50er Jahren hat er immerhin noch größere, langfristige Holzschnitt-Aufträge, nämlich für die Illustrationen der theologischen Schriften des Superintendenten der Regensburger Evangelischen Gemeinde, Nicolaus Gallus, für deren Anliegen sich der protestantische Künstler offenbar empfiehlt. Und in diesem Zusammenhang kommt es nun - nach einem vierwöchigen, beinah zum Tode des Künstlers führenden Krankenlager - noch einmal zu einem letzten Aufbäumen seiner Kraft.
Der über sechzigjährige, schwer an der Gicht leidende Maler bekommt und meistert den städtischen Auftrag, für die Neupfarrkirche einen Flügelaltar mit einem evangelischen Bildprogramm zu gestalten, das auf den Schriften des Gallus und auf Ostendorfers eigenen, dazu erstellten Holzschnitt-Illustrationen beruht. Ihm gelingt mit diesem 1555 vollendeten "Reformationsaltar" sein größtes malerisches Werk, das thematisch einzigartig im altbayerischen Raum dasteht und sich durchaus mit anderen protestantischen Altären, etwa der Cranach-Schule, messen kann. Der Altar zeigt die (damals noch drei) evangelischen Sakramente Taufe, Beichte und Abendmahl und behandelt den Weg des Wortes Gottes zu den Menschen, das durch Schriftlesung, Mission und Predigt verbreitet wird und das die Erlösung durch den unbedingten Glauben an Christus, nicht durch zu leistende Verdienste, verheißt.[5]
Ostendorfer wird für dieses große Altarwerk nur spärlich entlohnt, was ihn sehr verbittert. Aus den armseligen letzten Jahren seines Lebens sind uns eine Reihe schriftlicher Dokumente erhalten, jammervolle Bettel- und Klagebriefe von seiner Hand an den Rat der Stadt Regensburg. 1556 lässt er sich ins städtische Bruderhaus aufnehmen, das eine Art Altersheim für mittellose Männer ist. Er eckt dort aber an, weil er die Verpflegung kritisiert und allerlei Sonderwünsche hat - darunter den, weiter malen zu dürfen, was man ihm aber verwehrt. Nicht einmal seine unmündigen Söhne darf er unterweisen oder auch nur zu Besuch empfangen.
Trotz einer negativen Beurteilung seiner Person durch das städtische Almosenamt erhält Ostendorfer auf Fürsprache des Regensburger Ratskonsulenten Dr. Hiltner eine kleine Pfründe, und so kann er das Bruderhaus wieder verlassen, lebt danach wohl allein oder bei einem seiner erwachsenen Söhne. Noch einmal liefert er Illustrationen für Gallus (1558), danach kann er nicht mehr arbeiten. Nach erneutem, langem Krankenlager stirbt Ostendorfer als armer Mann Mitte Dezember 1559 in Regensburg und wird dort an heute unbekannter Stelle begraben.
Michael Ostendorfer war keiner der ganz großen Künstler der Reformationszeit. In seinen Anfangsjahren versuchte er wohl, mit seinem Lehrer Altdorfer zu wetteifern, dessen Zug ins Genialische ihm aber fehlt. Doch ist Ostendorfer ein durchaus tüchtiges Talent, eine im oberpfälzer Raum beachtliche Künstlerpersönlichkeit. Bei glücklicheren Lebensumständen nach dem - oder ohne den - Verlust des Hofmaleramtes hätte er wohl noch zu höherer Vollendung reifen können. Für uns ist er nicht zuletzt durch die Dokumente seiner späten Existenznöte zu einer lebendigen und menschlich anrührenden Gestalt geworden.[6]
Anmerkungen
[1] Zu den Umständen der Benennung siehe die Dokumentation im Jahresbericht 1973/74 des Ostendorfer-Gymnasiums, Neumarkt 1974, (unpaginiert) 3. bis 8. Seite nach der Heftmitte.
[2] Es gibt nur eine materialreiche Monographie (leider ohne Abbildungen) über Ostendorfer, auf die sich auch diese Darstellung stützt, nämlich die Dissertation von Arnulf Wynen: Michael Ostendorfer (um 1492-1559). Ein Regensburger Maler der Reformationszeit. (Phil. Diss.) Freiburg 1961. - Bildnisse eigener oder fremder Hand, die Ostendorfers Aussehen überliefern würden, sind leider nicht bekannt.
[3] Vgl. Gert Frühinsfeld: "Michael Ostendorfer und die Wallfahrt zur "Schönen Maria" von Regensburg." In: Michael Ostendorfer zum 500. Geburtstag. Festschrift zu Ehren des Namenspatrons der Schule. Herausgegeben von der Schulleitung und dem Verein der Freunde des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i. d. OPf., November 1990. S. 7-32. (= OSTENDORFERIANA I).
[4] Siehe Gert Frühinsfeld: "Ostendorfers Holzschnitt-Porträt des Hans Sachs." In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Neumarkt i. d. OPf. und Umgebung, 22. Band, Neumarkt 1999, S. 47-88. (= OSTENDORFERIANA VI).
[5] Vgl. Gert Frühinsfeld: Ostendorfers Reformationsaltar für die Neupfarrkirche in Regensburg (1554/55). Beiheft zum Jahresbericht des OG 1995/96, herausgegeben vom Verein der Freunde des Ostendorfer-Gymnasiums Neumarkt i. d. OPf., Neumarkt 1996. (= OSTENDORFERIANA IV).
[6] Die Dokumente sind wiedergegeben bei Wynen (wie Anm. 2), 402-418 (Nrn. 20-37). - Etliche Werke Ostendorfers (etwa die Holzschnitte zur Marienwallfahrt, einige Porträtgemälde und vor allem der Reformationsaltar) sind im Stadtmuseum Regensburg ausgestellt. Das schönste Exemplar des Wallfahrtsholzschnittes bewahren die Kunstsammlungen der Veste Coburg.
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© 1999-2003 Gert Frühinsfeld, Neumarkt [ gertfr@web.de ] Letzte Bearbeitung 09.10.2003