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Ein Land voller Gegensätze
Reisebericht aus Brasilien von Juliane Unshelm, K12
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| Vorbemerkungen |
| Auf Einladung einer Bürgervereinigung, deren Projekte das Ostendorfer Gymnasium finanziell unterstützt, hatten fünf Schülerinnen des Gymnasiums die Möglichkeit in Begleitung ihres Lehrers und dessen Frau als Dolmetscherin vom 23.10. bis 7.11. für zwei Wochen nach Fortaleza, Nordostbrasilien zu fliegen. |
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1998
wurde in Fortaleza eine Bürgervereinigung Einheimischer in einem
Stadtteil der 2, 2 Millionenstadt gegründet, deren Anliegen es ist, die
Lebensbedingungen in diesem Ortsteil zu verbessern. Betreut wird dieses
Projekt ehrenamtlich von der deutschen Entwicklungshelferin Tina Baum und
der brasilianischen Menschenrechtsorganisation CDUHS. Die
Schülerinnen sind alle Mitglieder der Unesco-Gruppe “Eine Welt” am
Ostendorfer. Seit 1999 unterstützt die Gruppe unter dem Motto “Wir
helfen Leben” das Projekt in Fortaleza durch Geldspenden, die aus den
einzelnen Klassen der Schule kommen. Bis heute konnten über 5110.- Euro nach Brasilien überwiesen werden. Für alle Interessenten veranstaltete die Gruppe in der kleinen Pausenhalle des Ostendorfer Gymnasiums am Abend des 13. Dezember 2001 einen Diavortrag über die Reise . |
| Bericht
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Dass
Brasilien ein Land der Gegensätze ist, bekamen wir in diesen zwei
Wochen mehr als einmal zu spüren und zu sehen. Schon
unser erster Tag in Rio de Janeiro brachte uns das Elend, in dem der
Hauptteil der brasilianischen Bevölkerung leben muss, nahe. Vierzig
Prozent leben in sogenannten Favelas, wie die Slums in Brasilien genannt
werden. Reich neben arm - ein Golfplatz direkt neben einer großen
Favela, der Gegensatz konnte nicht größer sein. Bei unserer achtstündigen
Stadtführung konnten wir auch die bekannten Sehenswürdigkeiten Rios,
wie den Zuckerhut oder die Christostatue besichtigen. Von der vielumschwärmten
Copacabana waren wir sichtlich enttäuscht. Ein riesiger langer
Sandstrand, an dem direkt eine der Hauptverkehrsstraßen Rios entlangführt. Am
Abend erwartete uns dann noch ein 4-stündiger Inlandsflug nach Fortaleza. Die ersten zwei Tage machten uns die Zeitumstellung und auch die ungewohnt hohen Temperaturen ein wenig zu schaffen, denn es waren über 30 Grad. Am
Freitag fuhren wir das erste Mal in die Favela nach Granja Lisboa, um
das Projekt und die Leute dort zu besuchen. Granja
Lisboa ist ein Stadtteil von Fortaleza, in dem hauptsächlich arme Bevölkerung
lebt. Nach einem herzlichen Empfang besichtigten wir gleich die Wäscherei
des Projektes. Die Bewohner Granja Lisboas können dort ihre Wäsche zum
Waschen und Bügeln abgeben; natürlich kostet dies auch etwas, aber
dieses Geld fließt gleich wieder in die Projekte. Es gibt zwar
Waschmaschinen, dennoch wird häufig auch noch per Hand in kaltem Wasser
gewaschen, so dass die Frauen wirklich viel zu tun haben. Ein
weiteres Projekt ist das Zentrum für unterernährte
Kinder, zu dem wir
anschließend gingen. Ungefähr 45 Kinder ab 2 Jahren werden dort bis
zum Nachmittag betreut. Die meisten Kinder kommen aus zerütteten
Familien, bekommen zuhause fast nichts zu essen, weil meistens das Geld
fehlt, und man kümmert sich nicht richtig um sie. Wir haben
Kinder gesehen, die - in einem Kindergarten in Fortaleza - teilweise völlig
apathisch am Boden saßen, weil sich der Kindergarten kein Spielzeug oder
sonst irgendwelches didaktisches Material leisten konnte und auch die
Erzieherinnen keine qualifizierte Ausbildung wie bei uns haben. Dazu
kommen dann noch die teilweise schlimmen Familienverhältnisse, in denen
die Kinder leben. In
der Kinderkrippe in Granja Lisboa hatten die Kleinen Spielzeug und auch
Malblöcke und man konnte deutlich sehen, dass sich die Erzieherinnen um
die Kinder bemühen. Die
Kinder im Zentrum für unterernährte Kinder bleiben normalerweise acht
Monate dort, bis man sie wieder enigermaßen “aufgepäppelt” hat,
erhalten regelmäßig Mahlzeiten und werden jeden Tag gebadet. Zusätzlich
dazu gibt Tina Baum auch Kurse für die Mütter. Dort werden die Mütter
über Ernährung, Familienplanung - die ein großes Problem in den
Favelas darstellt - und ihre Rechte, die ihnen als Bürger zustehen,
informiert. Diese Kurse sollen an die Verantwortung der Mütter für
ihre Kinder appellieren und werden auch sehr gut von ihnen angenommen. Ein weiteres Projekt ist der Schülerhort am Nachmittag. Die Schulkinder können dort zum Hausaufgaben machen oder auch zur Nachhilfe kommen. Das Wochenende verbrachten wir in Lagoihna, etwa 2 Stunden von Fortaleza entfernt, in einem Ferienhaus, welches Bekannten unseres Lehres gehört. Am
Montag (24.10.) hatten wir am Vormittag freie Zeit zur Verfügung und
nutzten diese, um beispielsweise Hängematten - Brasilien ist ein
Hängemattenland -
oder Mitbringsel für die Daheimgebliebenen zu kaufen. Am
Nachmittag fuhren wir wieder nach Granja Lisboa zum Projekt. Auf
Vorschlag von Tina Baum und einigen Mitarbeitern des Projekts besuchten
wir - in zwei Gruppen aufgeteilt - einige Familien in der Favela. Die Verhältnisse,
in denen diese Familien leben, waren wirklich teilweise sehr
erschreckend. Die Häuser sind gemauert und aus Stein, was schon sehr
viel ist, denn in vielen anderen Favelas bestehen die “Häuser”
teilweise nur aus Wellblech oder Pappdeckeln. In
Granja Lisboa waren hauptsächlich die Mütter und ihre Kinder zuhause.
Die Häuser bestehen fast nur aus einem mehr oder minder großen Raum,
mit einem oder zwei Betten, in dem dann eine acht- bis neunköpfige
Familie leben muss. Es gibt häufig auch keine richtigen Fenster, so
dass es in dem Raum sehr dunkel ist. Auch die Hygiene in den Favelas
allgemein ist sehr schlecht. Nach diesen Besuchen brauchten wir eine ganze Weile, um unsere Gefühle und Gedanken wieder zu ordnen. Am
Dienstagvormittag fuhren wir zu einer Kinderkrippe in einer der
schlimmsten Favelas in Fortaleza. Diese war es auch, in der es kein
Spielzeug oder sonst irgendwelche Möglichkeiten zum Spielen für die
Kinder gab. Wir entschlossen uns, 400 DM,
die wir als Privatspende aus Neumarkt erhalten hatten, dieser
Kinderkrippe zu geben, damit Spielzeug, Blätter oder Stifte gekauft
werden konnten. Sehr
makaber für uns war, dass diese Favela direkt gegenüber vom schönsten
Strand der Stadt lag. Auf der einen Seite das Elend, auf der anderen
Seite Strand und Meer. Ein wichtiger Punkt in unserer Planung war auch der Besuch einer privaten und einer staatlichen Schule. Zunächst
besuchten wir am Mittwoch eine Privatschule in Fortaleza. Diese Schule
war mit allem ausgestattet, was wichtig ist: große, helle Klassenräume,
Spielplätze für die jüngeren Schüler, einen Multimediaraum mit
Computern und Internet, eine große Bücherei und mehrere Sportplätze.
Zudem gibt es ein breitgefächertes Angebot an sportlichen Aktivitäten. Im
Moment ist man gerade dabei, eine Privatuniversität in die Schule zu
integrieren. Wir
waren alle sichtlich beeindruckt von solch einer Schule. Doch die Realität
holte uns schon am nächsten Tag wieder ein, als wir eine staatliche
Schule besichtigten. In
die Klassenzimmer kam kaum Licht herein, die Tische und Stühle
waren teilweise kaputt, und die Kinder mussten auf Gartenstühlen sitzen.
Außerdem hatte die Schule kaum Bücher oder andere Materialien, denn
von der Stadt bekommen diese Schulen sehr wenig Geld als Unterstützung.
In vielen Klassen sind auch zu viele Schüler, da gerade an staatlichen
Schulen Lehrermangel herrscht. Am Mittwochnachmittag fuhren wir etwas mehr ins Landesinnere zu einem Straßenkinderprojekt, das von einem Deutschen geleitet wird. Dort werden Jungen ab 12 Jahren aufgenommen, die auf der Straße leben, denn gerade in Fortaleza ist die Zahl der Straßenkinder sehr hoch. In diesem Zusammenhang trafen wir uns an unserem letzten Tag noch mit einem Streetworker, der für dieses Projekt arbeitet und der uns von der Situation der Straßenkinder und seiner Arbeit erzählte. Donnerstagvormittag
fuhren wir wieder nach Granja Lisboa. Dort fand ein Kleiderbasar mit den
Sachen statt, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten. Normalerweise
finden diese Basare immer an dem Tag statt, an dem die Familien Geld
bekommen, doch für uns wurde eine Ausnahme gemacht. Viele, die Sachen
kaufen wollten, mussten sich aber aufschreiben lassen, da sie
erst dann bezahlen können, wenn sie wieder Geld bekommen. Gleichzeitig war dieser Tag auch der letzte in Granja Lisboa und im Projekt. Der Abschied fiel uns ein wenig schwer, denn alle waren sehr nett und herzlich zu uns. Als Geschenk bekamen wir jeder ein Plakat mit Bildern aus den einzelnen Projekten und zusätzlich auch noch selbstgemalte Bilder der Kinder aus dem Schülerhort. Da
am Freitag in Brasilien Feiertag war, fuhren wir bereits am Donnerstag für
unser letztes Wochende in ein Ferienhaus, in das wir von Bekannten
unseres Lehrers eingeladen wurden. Es
tat gut, nach einer Woche mit so unterschiedlichen Eindrücken, ein
wenig auszuspannen. Den
letzten Montag nutzten wir dazu, noch einige Mitbringsel zu kaufen und
um uns mit dem Streetworker zu treffen, und zum Ausklang dieser zwei Wochen verbrachten wir den Nachmittag am Strand und im Meer. Am Dienstagnachmittag ging es dann zum Flughafen und nach über 24 Stunden Flug und Aufenthalt in den Flughäfen von Saõ Paulo und Frankfurt kamen wir am Mittwochabend wieder gut in Nürnberg an. Abschließend kann man sagen, dass diese zwei Wochen sehr interessant für uns waren, denn wir haben eine neue Kultur und Mentalität kennengelernt, die sich in vielen Dingen sehr von der unseren unterscheidet, und um all diese verschiedenen und gegensätzlichen Eindrücke zu verarbeiten, dauert es sicherlich noch eine ganze Weile. |